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Anleihemarkt

Signale der Zinskurve

Die Zins- bzw. Renditestrukturkurve des Anleihemarktes gilt an den Finanzmärkten als verlässlicher Signalgeber für die künftige konjunkturelle Entwicklung, spiegelt sich in ihr doch die Erwartung der Akteure des Bondmarktes über künftige Reaktionen der Notenbanken auf die Wirtschafts- und Inflationsentwicklung wider. Allerdings wird die Signalfunktion der Renditestrukturkurve auch jedes Mal wieder angezweifelt getreu dem Motto: Ist ja alles richtig, aber dieses Mal ist alles anders. Merkwürdig im wahrsten Sinne des Wortes nur, dass der Zinsmarkt doch nur allzuoft Recht behalten hat.

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Wirtschaft.
Aktuell sendet der Zinsmarkt wieder ein Signal.
Aktuell sendet der Zinsmarkt wieder ein Signal.
Foto: Oren Elbaz

Die Zins- bzw. Renditestrukturkurve des Anleihemarktes gilt an den Finanzmärkten als verlässlicher Signalgeber für die künftige konjunkturelle Entwicklung, spiegelt sich in ihr doch die Erwartung der Akteure des Bondmarktes über künftige Reaktionen der Notenbanken auf die Wirtschafts- und Inflationsentwicklung wider. Allerdings wird die Signalfunktion der Renditestrukturkurve auch jedes Mal wieder angezweifelt getreu dem Motto: Ist ja alles richtig, aber dieses Mal ist alles anders. Merkwürdig im wahrsten Sinne des Wortes nur, dass der Zinsmarkt doch nur allzuoft Recht behalten hat.

So ist in der Vergangenheit zu beobachten gewesen, dass den meisten Rezessionen in großen Volkswirtschaften mit einem Vorlauf von vier bis sechs Quartalen eine negative Renditestrukturkurve vorausging. Das bedeutet: Die langfristigen Zinsen bzw. Bondmarktrenditen liegen unter den kurzfristigen, also beispielsweise rutschten die 30-jährigen Anleiherenditen unter die zweijährigen Renditen. Das signalisierte, dass die Bondmarktakteure sich darauf einstellten, dass die Wirtschaft sich abschwächt und in die Rezession gerät und die Notenbanken darauf mit Leitzinssenkungen reagieren mussten, um der Wirtschaft unter die Arme zu greifen.

Deutlich flacher

Aktuell sendet der Zinsmarkt wieder ein Signal. In der immer weiter hochkochenden Inflationsdiskussion und der Forderung nach höheren Leitzinsen und der Beendigung der Bondkäufe der internationalen Notenbanken wie der Europäischen Zentralbank gerät dies allerdings verschiedentlich aus dem Blick. Die Renditestrukturkurve der Bundesanleihen, der Benchmarkpapiere der Eurozone, verflacht sich immer mehr. Das heißt, dass die kurzfristigen Zinsen bzw. Bundrenditen leicht ansteigen und die langfristigen Bundrenditen, also die 30-jährigen Bundestitel, sinken. Aktuell liegen die 30-jährigen Bundesanleihen an der Nulllinie, sind also kurz davor, wieder in den Minusbereich abzutauchen, so dass dann die gesamte Bundkurve wieder im roten Bereich ist. Der Zinsabstand zwischen den zwei- und 30-jährigen Bundpapieren beträgt aktuell 82 Basispunkte (BP), vor vier Wochen waren es hingegen noch 104 BP (Tief: 75 BP). Das ist eine beeindruckende Entwicklung. "Die Verflachung der Zinskurven hängt wohl in erster Linie mit den immer weiter nach vorne kommenden Zinserhöhungserwartungen zusammen. Das Auf und Ab der jüngsten Vergangenheit folgt recht gut den Zinserwartungen der EZB. Für die USA sind die Zusammenhänge noch stärker. Das heißt, der Markt scheint davon auszugehen, dass die hohen Inflationsraten die Notenbanken zum Gegensteuern zwingen", sagt Rainer Guntermann, langjähriger Zinsstratege der Commerzbank, der Börsen-Zeitung.

Dass es aktuell aber zu einem schnellen Gegensteuern zum Beispiel in Form der Beendigung der Anleihekäufe kommt, hält Guntermann nicht für realistisch. "Ein Ende der Bondkäufe in den nächsten zwölf Monaten ist eher unwahrscheinlich. Käme es dann doch dazu, würde der Markt dann wohl doch recht verschnupft darauf reagieren, und das wird die EZB sicher nicht beabsichtigen", führt Guntermann aus. Die Forward Guidance der EZB sagt laut Guntermann aktuell, dass die Anleihekäufe bis kurz vor die erste Zinserhöhung gehen können. Die EZB selbst sehe die Voraussetzungen für eine Zinserhöhung im kommenden Jahr noch nicht als gegeben an.

Aus der Verflachung der Kurve ist nach klassischer Lesart auch abzulesen, dass sich der Markt womöglich auf eine Wachstumsabschwächung in Deutschland bzw. der Eurozone einstellt. Und genau diese ist auch nicht so abwegig. Denn die Corona-Infektionszahlen steigen nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern trotz immer weiter steigender Impfquoten immer mehr an, mancherorts wird schon wieder der Katastrophenfall ausgerufen, es werden wieder Hochrisikogebiete erklärt und Quarantänepflichten eingeführt. Der Winter steht vor der Tür, und damit steigen die Ansteckungsgefahren anders als im Sommer wieder deutlicher an. Die Wahrscheinlichkeit von Lockdowns in Eurozonenländern nimmt zu. All dies würde nicht ohne Auswirkungen auf die Wirtschaft bleiben, d.h. es könnte wieder zu erheblichen konjunkturellen Beeinträchtigungen kommen. Wachstumssorgen könnten damit wieder die Oberhand gewinnen, Inflationssorgen in den Hintergrund rücken. Und damit wäre Leitzinssteigerungen oder Beendigungen der Anleihekäufe der Garaus gemacht. Ein sicheres Signal wäre hierfür, wenn die Zinsstrukturkurve sich weiter verflacht und dann in die Inversion übergeht. Die Zeit wird es zeigen.

Quelle: Börsen-Zeitung

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