#zeitfokus.

Donnerstag, 04 Jun 2020
Foto: Peter Kernspecht / CC BY 2.0 (via Flickr)
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Am Tag der Arbeit mobilisieren die Gewerkschaften alljährlich, um für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Gerechtigkeit zu demonstrieren – in diesem Jahr mit Blick auf Europa. Doch obwohl sicher auch am 1. Mai 2019 wieder hunderttausende zu den Kundgebungen kommen werden und die Gewerkschaften 2018 mit über 680.000 so viele Streikende mobilisieren konnten wie nie seit der Wiedervereinigung, befinden sich die Gewerkschaften in einer Dauerkrise. Und die könnte gravierende Folgen für die Tarifautonomie haben.

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Foto: Jens P. Raak / CC0 (via Pixabay)

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Aktuell ist nicht einmal jeder fünfte Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert. Von den bis 30-Jährigen sind es lediglich 12 Prozent, in Betrieben mit weniger als 50 Mitarbeitern sogar weniger als 10 Prozent. Das Problem haben die Gewerkschaften längst erkannt: Seit Jahren investieren sie verstärkt in sogenannte Erschließungsstrategien. Vor allem der IG Metall ist es dadurch gelungen, den Abwärtstrend – zeitweise – umzukehren.

Eine gezielte Mitgliederwerbung gelingt aber nur, wenn die Gewerkschaften attraktive Tarifverträge schließen – und hier beginnt ihr Dilemma: Derzeit setzen IG Metall, ver.di und Co. vor allem auf das Thema Arbeitszeit. Wahlmodelle zwischen mehr Entgelt oder mehr Freiheit sollen helfen, die Work-Life-Balance der Beschäftigten zu verbessern.

Die IG Metall berichtet voller Stolz, dass ihr im vergangenen Jahr durchgesetztes Wahlmodell zwischen Sonderzahlung und acht zusätzlichen freien Tagen 260.000 Beschäftigte beantragt haben und 93 Prozent dieser Anträge genehmigt wurden. Das mag die Bande zwischen den Begünstigten und den Gewerkschaften stärken. Es belastet aber die Tarifbeziehungen. Denn kleinere und mittlere Unternehmen haben Probleme, solche Wahlmodelle umzusetzen. Vielen sind die Regelungen auch schlichtweg zu kompliziert.

Die Konsequenz: Sie steigen entweder aus den Tarifverträgen aus oder bleiben ihnen von vorneherein fern. Das gilt vor allem für neu gegründete Betriebe. Dadurch ist die Tarifbindung in den vergangenen Jahrzehnten spürbar gesunken – war in den 1990er Jahren noch fast jeder zweite Betrieb an einen Tarifvertrag gebunden, ist es heute nur noch jeder vierte.

Die Gewerkschaften schieben die Schuld an dieser Entwicklung den Arbeitgeberverbänden zu. Weil diese auch Mitgliedschaften ohne Tarifbindung erlaubten, hätten sie diese Erosion erst ermöglicht. Der Staat soll daher solche Mitgliedschaften einschränken und dafür sorgen, dass mehr Tarifverträge allgemeinverbindlich werden, also auf nicht-tarifgebundene Betriebe und deren Arbeitnehmer erstreckt werden. Dieser Ruf nach dem Staat zeigt die Hilflosigkeit der Gewerkschaften. Und: Eine entsprechende Allgemeinverbindlichkeit erhöht zwar die Reichweite von Tarifverträgen, beschert den Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden aber keine neuen Mitglieder.

Eine echte Stärkung der Tarifbindung kann stattdessen nur gelingen, wenn die Tarifparteien an einem Strang ziehen und Arbeitnehmer wie Betriebe vom Vorteil des Tarifvertrags überzeugen. Wenn die Gewerkschaften das nicht begreifen, sägen sie an dem Ast, auf dem sie sitzen. Dann wird der Staat ihnen das Tarifgeschäft mehr und mehr aus der Hand nehmen.



Quelle: IW Köln
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