Min

Deplatzierte Schadenfreude: Wachstumszahlen in China

Foto: Mario Ohibsky / CC0 (via Pixabay)

Wirtschaft
Typographie
  • kleiner klein Standard groß größer
  • Standard Helvetica Segoe Georgia Times

Deplatzierte Schadenfreude: Wachstumszahlen in China

.

Chinas Wirtschaft ist im zweiten Quartal um 6,2% nach zuvor 6,4% gewachsen. Im Weltmaßstab ist das eine stramme Performance, für das Reich der Mitte allerdings ist es der schwächste Wachstumsausweis seit Beginn der Quartalserfassung vor 27 Jahren. An den Märkten sorgt dies aber für wenig Aufregung. Der schleichende Wachstumsrückgang ist insbesondere vor dem Hintergrund des Handelskonflikts mit den USA breit erwartet worden. Für das Gesamtjahr 2019 rechnen die Experten mit mindestens 6,1% Wachstum - sofern es nicht zum ganz großen Knall zwischen Peking und Washington kommt.

Bezeichnenderweise lässt es sich US-Präsident Donald Trump nicht nehmen, per Twitter seinen Senf zum China-Wachstum zu geben. Er betont, dass die US-Strafzölle den "Haupteffekt" für Chinas Konjunkturbremsung darstellen, und droht zugleich wieder, dass noch mehr Zölle kommen könnten. Trumps Schadenfreude über einen von ihm wesentlich beeinflussten Niedergang der chinesischen Wirtschaft in den vergangenen Monaten deckt sich allerdings nicht ganz mit der ökonomischen Realität.

Selbstverständlich erweist sich der Handelsstreit als Belastung für Chinas Wirtschaft, weil er sowohl auf die Stimmung im Industriesektor drückt als auch das Konsumvertrauen angreift. Für die konjunkturelle Abkühlung aber sind auch längerfristige, strukturelle Effekte verantwortlich. Dabei spielen Nachwirkungen einer Finanzstabilitätskampagne und gedrosselte Anlageinvestitionen eine Rolle, die mit der Handelspolitik wenig zu tun haben. Der Außenhandel für sich genommen wiederum ist bislang keineswegs der große Bremsklotz. Chinas Nettoexporte steuerten in der ersten Jahreshälfte gut 20% zum Outputwachstum bei - ein extrem hoher Wert. Dabei haben nicht zuletzt Vorzieheffekte in Erwartung verschärfter Strafzölle eine Rolle gespielt. Daraus kann man den Schluss ziehen, dass außenwirtschaftliche Bremseffekte erst im weiteren Jahresverlauf stärker negativ auf Chinas Wachstum durchschlagen werden.

Allerdings nähren flottere Konjunkturdaten im Juni die Hoffnung, dass die "wirtschaftspsychologische" Beeinträchtigung des Handelsstreits wieder nachlässt und sich die Binnennachfrage auf Erholungskurs befindet. Chinas noch behutsame Stimulierungspolitik beginnt zu greifen und kann bei Bedarf weiter verstärkt werden. Das offizielle Wachstumsziel für 2019 von mindestens 6% scheint bislang nicht in Gefahr. Eher scheint Trump sein Ziel zu verfehlen, Chinas Wirtschaft mit handelspolitischen Drohungen zum Entgleisen zu bringen.



Quelle: ots/Börsen-Zeitung
337 Wörter im Bericht.

Wirtschaft (Top 10/365)

  • Handelsabkommen: Der freie Handel lebt
    Freitag, 01. Februar 2019

    Heute ist ein großer Tag für den freien Handel. Ab heute gilt das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Japan, zudem halten China und USA eine Einigung in ihrem Handelsstreit endlich für möglich....

  • Deutsche Wirtschaft lehnt Altmaiers Industriestrategie ab
    Samstag, 23. Februar 2019

    Deutschlands Industrie lehnt Pläne von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) klar ab, mit staatlicher Beteiligung "nationale Champions" zu schaffen. "Politische Eingriffe mit dem Ziel, bestimmte...

  • BASF: Gründlich verschätzt
    Dienstag, 09. Juli 2019

    In den vergangenen Tagen war im Markt geradezu stündlich mit einer Gewinnwarnung der BASF gerechnet worden. Die Investoren waren auf schlechte Nachrichten aus dem weltgrößten Chemiekonzern...

  • Handelsstreit: Zwei Milliarden Euro Verlust
    Montag, 13. Mai 2019

    Der US-China Handelskonflikt belastet die deutsche Exportwirtschaft. Bleiben die neuen US-Zölle bestehen, wird China reagieren – das kostet die deutschen Exporte im kommenden Jahr zwei Milliarden...

  • Nationale Industriestrategie 2030: Im Ansatz richtig
    Dienstag, 05. Februar 2019

    Die Industrie ist ein Zugpferd der deutschen Wirtschaft. Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat deshalb eine neue Strategie vorgelegt, mit der er die politischen Rahmenbedingungen für die nächsten...

  • Autozölle: Gefahr für das deutsche Geschäftsmodell
    Montag, 18. Februar 2019

    Auch 2018 exportierte Deutschland in kein anderes Land so viel wie in die USA. Das könnte sich aber schnell ändern, wenn Trump tatsächlich hohe Strafzölle auf Autos einführt. Sollte der US-Präsident Autoimporte...

  • Reform der Grundsteuer muss endlich umgesetzt werden
    Mittwoch, 05. Juni 2019

    Vor dem Hintergrund anhaltender Spekulationen über ein vorzeitiges Ende der Großen Koalition drängen die Gewerkschaften auf eine schnelle Grundsteuerreform. DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell...

  • Fusionspläne Deutscher Bank und Commerzbank: Mehr als 20.000 Arbeitsplätze im Feuer
    Montag, 18. März 2019

    Der Deutschen Bank und der Commerzbank stehen angesichts der Fusionspläne massive Auseinandersetzungen mit der Gewerkschaft bevor. Verdi-Chef Frank Bsirske erwartet eine "intensive und...

  • Ausländische Investitionen: Die EU erweitert Spielräume der Mitgliedstaaten
    Freitag, 15. Februar 2019

    Bisher hat nur jedes zweite EU-Land ein eigenes Verfahren, um außereuropäische Investitionen formal zu überprüfen. Die EU wird auch weiterhin die Entscheidung darüber allein den Mitgliedstaaten...

  • Hauptziel der Streiks bei Amazon bleibt ein Tarifvertrag
    Dienstag, 14. Mai 2019

    Am 14. Mai 2013 traten an den Amazon-Standorten Bad Hersfeld und Leipzig Beschäftigte zum ersten Mal in einen Tagesstreik. Sechs Jahre nach den ersten ganztägigen Streiks bei Amazon in Deutschland...