Donnerstag, 06 Aug 2020
Derweil steht das staatliche Gesundheitssystem NHS vor dem Kollaps.
Derweil steht das staatliche Gesundheitssystem NHS vor dem Kollaps. Foto: Chatham House / CC BY-NC-ND 2.0 (via Flickr)
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Corona-Krise? Nicht in Großbritannien. Das dachten zumindest viele Briten, obwohl die Situation in den Krankenhäusern des Königreichs schon schlimme Ausmaße angenommen hat. Als ob das Virus ein Witz wäre: Unverantwortliche Insulaner ignorierten die Anweisung der Regierung, auf soziale Distanz zu gehen, fielen über Supermärkte her, leerten die Regale und vergnügten sich hinterher en masse in den öffentlichen Parks. Der Grund: Ein unsicher agierender Premierminister Boris Johnson zögerte durchgreifende Maßnahmen hinaus.

US Militärbasis, Thule, Grönland
Foto: TSGT Lee E. Schading / U.S. Air Force VIRIN DF-ST-90-10597 / Gemeinfrei (via Wikimedia Commons)

Grönland: Trumps kaltes Kalkül

Derweil steht das staatliche Gesundheitssystem NHS vor dem Kollaps: Es fehlt an Intensivbetten und an Schutzkleidung für das medizinische Personal. Nachdem die Zahl der Corona-Opfer rapide anstieg - am Dienstagmorgen hatte man 335 Tote zu beklagen - wurde der Druck zu groß für Premierminister Johnson. Am Montagabend knickte er ein, wandte sich in einer Fernsehansprache an die Nation und verkündete harte Maßnahmen. Die Anweisung an die Bürger sei klar, sagte er: "Ihr müsst zu Hause bleiben." Für die nächsten drei Wochen gäbe es nur vier Gründe, das Haus zu verlassen: Einkäufe von Lebensmitteln und Medikamenten, einmal Sport treiben pro Tag, medizinische Betreuung oder die Fahrt zur oder von der Arbeit, wenn man zu bestimmten Berufsgruppen gehört. Alle Geschäfte außer Lebensmittelläden und Apotheken müssen schließen. Öffentliche Parks blieben offen, aber jede Versammlung von mehr als zwei Personen würde von der Polizei aufgelöst. "Bleibt zu Hause", unterstrich Boris Johnson, "schützt den Gesundheitsdienst NHS und rettet Leben."

Freilich hatte die Bevölkerung von der Regierung vorher widersprüchliche Botschaften bekommen. Bei den meisten werde die Krankheit nur milde Symptome auslösen, hatte Premierminister Boris Johnson anfangs gesagt, und von einer Eindämmung der Krankheit gesprochen, die man am besten mit Händewaschen erreiche. Seine Berater brachten das Konzept der Herdenimmunität als mögliche Lösung ins Spiel: Wenn sich 60 Prozent der Bevölkerung anstecken würden, hieß es, kann sich das Virus nicht mehr ausbreiten. Als allerdings eine Studie des Imperial College bekannt wurde, dass dann mit 260 000 Toten zu rechnen ist, schreckte die Regierung zurück und änderte Kurs. Die möglichst große Reduzierung der Infektionsrate sei nun das Wichtigste, verkündete Johnson, man solle soziale Kontakte auf ein Minimum reduzieren und nicht in den Pub gehen. Die Leute gingen trotzdem in den Pub, darunter Stanley Johnson, der Vater des Premierministers. Schließlich musste die Regierung explizit anordnen, dass alle Versammlungsstätten mit dem Betrieb aufhören. Auch die Schließung der Schulen am letzten Freitag erfolgte viel zu spät. In der Corona-Krise zeigt sich, dass Boris Johnson eine Fehlbesetzung für die Rolle eines Regierungschefs ist, von dem man Entschlossenheit, Führungsstärke und Kompetenz erwarten sollte.

Noch hält sich die Opposition zurück, aus dem Versagen politisches Kapital zu schlagen. Die medizinische Versorgung im Königreich hat durch das Sparprogramm der konservativen Regierungen seit 2020 gelitten: Auf 100 000 Bürger kommen gerade einmal 6,6 Krankenhausbetten, während es in Deutschland 29,2 sind. Intensivbetten gibt es gerade einmal knapp 5000 und an Beatmungsgeräten und Schutzgerät mangelt es ebenfalls. Mittlerweile hat Großbritannien eine Opferzahl, die in Italien vor zwei Wochen erreicht wurde. Die Mortalitätsrate liegt bei rund 4,5 Prozent. Auf die Briten kommen schwere Zeiten zu.

Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
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