#zeitfokus.

Donnerstag, 04 Jun 2020
Foto: Gerhard Gellinger / CC0 (via Pixabay)
 2-3 Minuten Lesezeit  571 Worte im Text  vor 189 Tagen

Benigna Munsi strahlt, ihre Eltern könnten kaum stolzer sein. Für die Tochter einer Deutschen und eines gebürtigen Inders ist es ein Highlight in ihrem Leben, das Christkind des weltberühmten Nürnberger Christkindlesmarkts zu sein. Heute eröffnet ihn die 17-Jährige offiziell. Die AfD interpretierte den Tag ihrer Ernennung auf Facebook aber als Beginn der Auslöschung des Abendlandes.

Unruhe der Eltern überträgt sich auf Kinder.
Foto: Jordan Whitt

Kinder vor Corona-Panik schützen

Eine bodenlose, rassistische Entgleisung, die bundesweit Schlagzeilen machte. Doch so weit hätte es nicht kommen müssen. Ausgerechnet die erbittertsten Gegner der AfD machten es möglich, dass sich das rechte Gedankengut überhaupt so weit verbreitete. So paradox es klingt: Kritiker der Rechtspopulisten müssen lernen, deren Entgleisungen in den sozialen Medien zu ignorieren. Die Kritik an der AfD hilft ihr oft viel mehr, als dass sie ihr schadet. Der Partei reichte ein einziger vergifteter Post, um tagelang in den Medien präsent zu sein. Ein AfD-Kreisverband verglich die Ernennung des dunkelhäutigen Teenagers zum Christkind mit der Ausrottung der indianischen Ureinwohner in den USA. "Nürnberg hat ein neues Christkind. Eines Tages wird es uns wie den Indianern gehen", hieß es in dem Post, der mittlerweile wieder gelöscht wurde. Diese Aussage ist eine Unverschämtheit, völlig klar. Dass die AfD zurückruderte und sich für den Post entschuldigte, macht es auch nicht besser. Der Urheber sei "fix und fertig" wegen der Auswirkungen seines Posts. Er nahm aber auch billigend in Kauf, eine 17-Jährige fix und fertig zu machen. Die Welle der Empörung war dementsprechend riesig, Politiker bis hoch zum bayerischen Ministerpräsidenten lehnten die Äußerungen entschieden ab. Sie erhoben öffentlichkeitswirksam ihre Stimme gegen die AfD - und taten damit genau das, was sich die Partei erhofft.

Die schärfsten Kritiker der Rechtspopulisten werden jedes Mal unbeabsichtigt zu deren Schoßhündchen. Je lauter sie in den sozialen Medien bellen, desto größer die Aufmerksamkeit für die AfD. Je mehr Menschen mit einem Post interagieren, ihn mit Freunden teilen oder kommentieren, desto häufiger wird er auf Facebook ausgespielt. Im Fall des Nürnberger Christkinds hat eine Facebook-Seite eines kleinen AfD-Kreisverbandes den Post abgesetzt, München-Land mit etwa 1000 Fans. Der Beitrag hätte kaum mehr Leute erreicht, wäre er ignoriert worden. Und wäre sang- und klanglos untergegangen. Das ist die Krux am Facebook-Algorithmus: Auf der Timeline des Nutzers werden nicht nur Themen ausgespielt, die ihn interessieren könnten. Sondern auch Themen, die gerade viral gehen. Sprich: Solche, die die Facebook-Community besonders beschäftigen. Das war auch beim Post des AfD-Kreisverbandes der Fall. Ehe er gelöscht wurde, sprangen Hunderte dem neuen Christkind in den Kommentaren zur Hilfe. Sie halfen damit aber auch ungewollt der AfD. Nicht falsch verstehen: Natürlich sollten die Rechtspopulisten weiterhin bekämpft werden. Wenn Partei-Oberhäupter wie Höcke oder Gauland wieder verbal entgleisen, muss man das sogar. Schließlich haben sie in der Partei das Sagen. Die Entgleisungen eines unbedeutenden AfD-Kreisverbandes auf Facebook, sollte man - so schwer es fällt - ignorieren. Denn dieser Fall macht erneut deutlich: Hinter der Verbreitung des Facebook-Posts steckt Kalkül. Die AfD ist anderen Parteien auf Facebook haushoch überlegen. Die Rechtspopulisten betreiben einer Studie des amerikanischen Medienwissenschaftlers Trevor Davis zufolge die meisten der Facebook-Accounts, die von politischen Parteien in Deutschland betrieben werden. Demnach werden Beiträge der AfD auch am häufigsten geteilt, 85 Prozent aller geteilten Posts politischer Parteien gehen auf ihr Konto. Für die Unionsparteien, SPD, Grüne und Co. bleiben nur die Krümel übrig. Auf Bundes- und Länderebene ist die AfD zwar nirgendwo Regierungspartei, in den sozialen Medien ist sie hingegen schon längst an der Macht.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
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