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Es war der Glücksmoment der deutschen Geschichte: Der Fall der Berliner Mauer am Abend des 9. November 1989. So einzigartig wie die vorangegangene friedliche Revolution in der DDR und so einzigartig wie die darauffolgende Einheit im Turbogang. 30 Jahre später verblassen nicht nur die Erinnerungen an dieses Glück. Ausgerechnet der Fall der Mauer, die deutsche Einheit scheinen das Land zu spalten. Die Trunkenheit von damals ist einem Kater gewichen, der nicht verschwinden mag.

Mario Draghi
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Ein (zu) hoher Preis: Die Geldpolitik der EZB

Mit einer Verzögerung von 30 Jahren scheinen sich die Ostdeutschen gegen die Übernahme durch die alte Bundesrepublik aufzulehnen. Ausgerechnet die Jungen, die die DDR gar nicht mehr erlebt haben, stärker als die Alten. Neu ist dieses Phänomen der historischen Nachwirkung nicht. Und in anderen Zusammenhängen waren sie wesentlich wuchtiger. Die Konflikte im Nahen Osten sind fast alle die Folge der willkürlichen Grenzziehungen 1916 durch Briten und Franzosen. Die Jugoslawienkriege ließen das künstliche Staatsgebilde auf dem Balkan aufbrechen. Und der amerikanische Bürgerkrieg war nicht nur der Ausgangspunkt für den einzigartigen Aufstieg der Großmacht USA. Er ist zugleich fruchtbarer Nährboden für die Spaltung des Landes - auch noch nach mehr als 150 Jahren.

Nirgends auf der Welt aber hat ein so positiver historischer Einschnitt wie Mauerfall und deutsche Einheit so kritisch nachgewirkt. Erst das widerwärtige Phänomen Pegida und der erschreckende Siegeszug der AfD im Osten lassen erkennen, dass die alten Sonntagsreden nicht weiterhelfen: Der Verweis auf den Gewinn der Freiheit, auf Wohlstand und Beschäftigung und auf den Aufbau einer Infrastruktur, auf die der Westen inzwischen mit Neid schaut. Wir beginnen gerade erst nachzuvollziehen, welch traumatische Entwertungserfahrung die Einheit bei zu vielen hinterlassen hat. Dass sie damals nicht nur ihre Arbeit verloren, sondern ein ganzes Koordinatensystem. Dass es ein Versäumnis war, nicht um eine gesamtdeutsche Verfassung zu ringen. Dass sich antiliberale, auch antiisraelische Prägungen aus 41 Jahren DDR nicht durch Generationenwechsel ausschleichen. Zugleich gilt es, nicht nur das Trennende zu erkennen, ja anzuerkennen. Viel wichtiger ist das Erkennen der Gemeinsamkeiten.

Dass die Krise des freiheitlichen Rechtsstaates kein deutsches oder gar ostdeutsches Phänomen ist. Dass der Hang zur Sezession wie bei einem Großteil der Briten, der Südtiroler und Katalanen in Deutschland ernsthaft nicht zu finden ist. Dass das grassierende Stadt-Land-Gefälle, das Bedürfnis nach nationaler Selbstvergewisserung und die Auflösungserscheinungen der Volksparteien im Osten nur stärker, nur früher zutage treten als im Westen. 30 Jahre nach dem Mauerfall ist es also Zeit für einen Perspektivwechsel. Zeit dafür, ostdeutsche Perspektiven zu respektieren. Und Zeit, nach gemeinsamen Antworten auf die viel grundsätzlichere Krise der Demokratie zu suchen. Was hindert die 80 bis 90 Prozent, die sich im Westen gegen Nationalismus und Wiederkehr des Autoritären stellen, daran, endlich mit den 70 bis 75 Prozent gemeinsame Sache zu machen, die sich im Osten dagegen stellen? Damit zusammenwächst, was zusammengehört. Wenigstens dies ein Zitat aus den glücklichsten Tagen dieser Republik, das gewiss auch in Zukunft Bestand haben wird.



Quelle: ots/Allgemeine Zeitung Mainz
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