Alle Empfehlungen und Leitlinien dieser Welt können den Ärzten die schwerste aller Entscheidungen, diese Bürde, am Ende nicht abnehmen.
Alle Empfehlungen und Leitlinien dieser Welt können den Ärzten die schwerste aller Entscheidungen, diese Bürde, am Ende nicht abnehmen. Foto: Jonathan Borba
 2-3 Minuten Lesezeit  426 Worte im Text  vor 179 Tagen

Es ist in Deutschland - noch - unvorstellbar, dass Ärzte vor der Entscheidung stehen könnten, welchen Patienten sie intensivmedizinisch versorgen und welchen nicht, weil es an Ressourcen fehlt. Die letzten Wochen und Tage lehren uns aber, dass sich unser Vorstellungsvermögen erweitern muss. Es mag psychologisch nachvollziehbar sein, solche Gedanken aus reinem Selbstschutz nicht zuzulassen. Schneller als uns lieb war, haben wir aber die Erfahrung gemacht, dass die zuvor vielen unbekannte chinesische Provinz Wuhan nicht weit genug entfernt ist, um uns vor dem Coronavirus zu verschonen; dass drastische Einschränkungen von Grundrechten, unseres sozialen Lebens, angesichts einer Pandemie in Deutschland genau so möglich sind, wie in China, Italien, Spanien oder Frankreich.

Svenja Schulze
Foto: EnergieAgentur.NRW / CC BY 2.0 (via Flickr)

Ministerinnen streiten über Insektenschutz

Mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit, Angst und Empörung blicken wir nun nach Italien, wo Ärzte seit Tagen angesichts knapper Intensivbetten und Beatmungsgeräte über schwer erkrankten Covid-19-Patienten den Daumen heben oder senken müssen und Entscheidungen gegen eine Behandlung vor allem alte Menschen trifft. Auch aus Kliniken im Elsass gibt es entsprechende Berichte. Ja, das deutsche Gesundheitssystem gilt weltweit als vorbildlich. Wir sind besser aufgestellt als andere, auch europäische Länder, in denen Patienten längst daran gewöhnt sind, sehr lange auf eine Behandlung oder medizinisch notwendige Eingriffe warten zu müssen. Oder in denen am Ende der Geldbeutel darüber entscheidet, wie und ob sie eine schwere Erkrankung überleben.

Deutschland hatte aber auch das Glück, im Kampf gegen das Virus mehr Vorlauf zu haben als andere Länder, und hier wurden die richtigen Weichen gestellt. Zahlreiche Kliniken halten nun freie Intensivbetten und Beatmungsgeräte vor, haben Krisenpläne, damit ausreichend Personal vorhanden ist. Die drastische Einschränkung sozialer Kontakte zur Verlangsamung der Ausbreitung kam gerade noch rechtzeitig. Und doch müssen wir uns darauf einstellen, dass die Zahl der schwer Erkrankten so schnell steigen könnte, dass auch unser Gesundheitssystem überfordert wird. Die medizinisch-ethischen Empfehlungen zur Patientenversorgung angesichts knapper Ressourcen sind deshalb unerlässlich. Dass in den deutschen Leitlinien das Alter kein Auswahlkriterium ist und bei der Behandlung von Schwerkranken nicht zwischen Corona- und anderen Patienten unterschieden wird, ist beruhigend. Auch wenn sie im Eiltempo erarbeitet werden mussten und im Detail noch Anpassungen und Diskussionen erfolgen dürften, geben die Empfehlungen den Patienten und dem medizinischen Personal ein Stück Sicherheit, beugen im Extremfall hoffentlich Willkür und Kopflosigkeit vor. Dennoch gilt: Alle Empfehlungen und Leitlinien dieser Welt können den Ärzten die schwerste aller Entscheidungen, diese Bürde, am Ende nicht abnehmen. Es ist auch für Profis, zu deren Alltag Leid und weitreichende Entscheidungen gehören, eine fast unmenschliche Aufgabe. Sollte es in Deutschland zu einer solchen Ausnahmesituation kommen, haben die Mediziner unser aller Vertrauen und Respekt verdient.

Quelle: ots/Allgemeine Zeitung Mainz
#mehrNachrichten
Trump hat seine Parole "America First" bereits am ersten Amtstag umgesetzt: Er kündigte umgehend das Transpazifische Abkommen.
Foto: The White House / Public Domain (via Flickr)

Mehr Ehrlichkeit statt Populismus

Das Bild der Rechtspopulisten ist in Deutschland klar umrissen: Donald Trump, der amerikanische Präsident, wird als völlig überforderter US-Politiker dargestellt. Regelmäßig sorgen seine Aussagen...
Der Giftanschlag auf Nawalny muss vollständig aufgeklärt werden.
Foto: Evgeny Feldman / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Wenig Hoffnung auf Aufklärung im Fall Nawalny

Im Fall des mutmaßlich vergifteten Kremlkritikers Alexej Nawalny hat die menschenrechtspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Bundestag, Gyde Jensen, wenig Hoffnung auf eine transparente...
Susanne Mittag sagte: "Mit Freiwilligkeit kommen wir nicht mehr weiter."
Foto: Deutscher Bundestag / Inga Haar

Tierwohllabel: SPD im Bundestag lehnt Klöckners Ansatz ab

Das von Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) geplante freiwillige Tierwohllabel könnte am Widerstand der SPD scheitern. Susanne Mittag, tierschutzpolitische Sprecherin der...
empty alt
Foto: Jacek Rużyczka / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Dauerwelle

Viel wird spekuliert, ob im Herbst eine zweite Corona-Infektionswelle kommt, wann infolge der Pandemie eine Insolvenzwelle einsetzen wird und wie groß die Entlassungswelle sein wird, die darauf...
Berliner Innensenator Andreas Geisel lieferte Querdenkern den Stoff für ihre Empörung auf dem Silbertablett.
Foto: United Nations COVID-19 Response

Solche Demos müssen wir aushalten

Berlin macht seinem Ruf gerade keine Ehre: Toleranz, Offenheit, Vielfalt - wegen dieser Werte zieht die Hauptstadt viele, gerade junge Menschen an. Beinahe täglich finden Demonstrationen auf den...
Back To Top