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Wenn ein Kind im Wasser untergeht, passiert das ganz still: kein Schrei, kein Um-sich-Schlagen, kein wildes Spritzen. Eltern, die das erlebt haben, treibt die Erinnerung noch lange danach Schauder über den Rücken. Doch solch ein Erlebnis braucht es gar nicht, um zu wissen: Jedes Kind sollte schwimmen können.

Kaum jemand würde von Köln nach Berlin oder Hamburg das Flugzeug benutzen - wenn, ja wenn die Bahn nicht auf beiden Verbindungen jeweils mehr als vier Stunden brauchen würde.

Wie man die Leute in die Jets treibt

Der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) zufolge ist Deutschland auf dem Weg, zu einem Land von Nichtschwimmern zu werden: Laut einer Forsa-Umfrage von 2017 sind rund 60 Prozent der Grundschüler und jeder zweite Erwachsene nach eigenen Angaben Nichtschwimmer oder schlechte Schwimmer. Der Trend gehe nach unten. Als sicherer Schwimmer gilt laut DLRG, wer die Disziplinen des Jugendschwimmabzeichens Bronze erfüllt. Die Vorteile des Schwimmens liegen auf der Hand: Es rettet im Ernstfall Leben. Das ist wichtig in einem Land, in dem es viele Gewässer gibt und viele Aktivitäten am oder auf dem Wasser stattfinden. Überhaupt macht Schwimmen Spaß und ist eine Sportart, die man ohne Ausrüstung oder aufwendige Kleidung ausüben kann. Man muss nicht besonders sportlich sein - Schwimmen schont die Gelenke und ist gleichzeitig effektiv. Wer anfangs Angst vor dem Wasser hatte, dem wird es ein gutes Selbstwertgefühl geben, sich das Schwimmen erarbeitet zu haben.

Und dann bedeutet Schwimmen auch Teilhabe. Der Eintritt ins Schwimmbad ist vergleichsweise günstig, der zum Badeweiher sogar kostenlos. Das ist wichtig für Kinder aus Familien, die sich keinen Urlaub am Meer leisten können. Doch obwohl Schwimmen kein teurer Lifestyle-Sport ist, gibt es hohe Hürden, um diese Fertigkeit zu lernen: Ein Platz in einem Kinder-Schwimmkurs ist nur mit einiger Hartnäckigkeit zu ergattern. Dazu kommt, dass sich manches Kursangebot nur schwer mit Berufstätigkeit der Eltern vereinbaren lässt: Wer arbeitet, kann keinen Block stemmen, der an drei Nachmittagen während der Woche stattfindet. Dieser Umstand und die Kosten machen das Schwimmenlernen für manche Eltern zur Herausforderung. Und so ist es damit wie mit anderen Aktivitäten, die Zeit, Geld und Organisation kosten: Wer ohnehin wenig Kapazitäten frei hat, für den hat Schwimmen keine Priorität.

Alleine die Eltern verantwortlich zu machen, dass Kinder nicht schwimmen lernen, greift aber ohnehin zu kurz. Uwe Wiegand, ehemaliger Cheftrainer des Schwimmclubs Regensburg, betreibt in Regenstauf eine private Schwimmschule. Er hält es für keine gute Idee, wenn Eltern selbst ihren Kindern das Schwimmen beibringen. Es sei nicht garantiert, dass Kinder das Schwimmen sicher und richtig lernten. In der Eltern-Kind-Beziehung stehe der Spaß im Vordergrund, nicht das Lernen. Wiegand bestätigt die riesige Nachfrage nach Kursen. Doch die Schwimmschulen könnten ihr Angebot nicht erweitern, weil die vorhandenen Wasserflächen bei Weitem nicht ausreichten - nicht einmal in einer Stadt wie Regensburg, wo das Angebot noch verhältnismäßig gut ist.

Diesen Trend gibt es in Deutschland seit Jahren - kommunale Schwimmbäder schließen mangels Rentabilität. In Spaßbädern fehlt es nicht an Rutschen und Whirlpools, aber an Übungsbahnen. Und so steht 20 bis 25 Prozent der Grundschulen in Deutschland kein Becken zur Verfügung, obwohl Schwimmen nach wie vor als Pflichtveranstaltung im Lehrplan steht. Wiegand nennt als weiteren Missstand die zu geringe Zahl ausgebildeter Schwimmlehrer. Bund, Länder und Kommunen müssen dieser Misere abhelfen, gemeinsam auch kleinere Bäder bewahren und Sportlehrer zur Rettungsschwimmer- Fortbildung motivieren. Das kostet Geld, kann aber im Einzelfall existenziell wichtig sein. Die Statistik tödlicher Badeunfälle zeigt: 2018 sind in Deutschland 500 Menschen ertrunken. Wenn Kinder so selbstverständlich schwimmen lernen würden wie lesen und schreiben, könnten es weniger sein.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
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