Hans-Dietrich Genscher (1974)
Hans-Dietrich Genscher (1974) Foto: Bundesarchiv / Ludwig Wegmann / CC-BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)
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Es gibt kaum einen deutschen Außenminister, dessen Name eine eigene außenpolitische Strategie definiert. Hans-Dietrich Genscher hat diesen Eintrag in die Geschichtsbücher geschafft: Genscherismus - das bezeichnet die Phase der Außenpolitik, die eine Brücke des Vertrauens zwischen West und Ost schaffen wollte.

Bislang verfestigen die jüngsten Konjunkturindikatoren das Bild einer zweigeteilten deutschen Wirtschaft.
Foto: Cameron Venti

Achterbahn Konjunktur

Deutschlands oberster Diplomat stützte sich dabei auf eine Erkenntnis der frühen 1970er Jahre, die von der einseitig militärischen Sicherheitspolitik für Europa abrücken wollte. Der Genscherismus nahm so Mitte der 80er Jahre jenen Gedanken des Wandels durch Annäherung neu auf, der schon Willy Brandts Ostpolitik antrieb. Beliebt machte sich Genscher damals nicht. Im innenpolitischen Streit warf man ihm - je nach politischer Sortierung - Ausgleichs-, Pendel- oder Scheckbuch-Diplomatie vor. Satiriker und Gegner machten sich lustig über die Reiserei des Außenministers. US-Diplomaten wiederum sahen im Reagan-Jahrzehnt in Genscher den "slippery man", den "aalglatten" oder auch "gerissenen" (der US-Botschafter Richard Burt) "Super-Schlangenmenschen" (der US-Journalist Jim Hoagland).

Tatsächlich indes versetzte diese Diplomatie und der dann auch für Genscher überraschend schnelle Zusammenbruch des Ostblocks Deutschland und den Westen in die Lage, knapp 40 Jahre nach Kriegsende ihren Einfluss auf die internationale Politik entscheidend auszubauen. Dieser Erfolg des Genscherismus - in den historischen Bildern vom Balkon der Prager Botschaft oder an der Seite Helmut Kohls bei Gorbatschow im Kaukasus dokumentiert - überstrahlt heute alle anderen politischen Wirren und Querelen, an denen Genscher auch beteiligt war. Der Bruch der Koalition mit der SPD Helmut Schmidts 1982 gehört dazu, der die FDP spaltete und ihr einen großen Aderlass an politischen Talenten bescherte. Auch der sehr problematische Alleingang Genschers bei der Anerkennung der jugoslawischen Teilrepubliken Slowenien und Kraotien im Dezember 1991 entsprach nicht den Vereinbarungen mit den Partnern der Europäischen Gemeinschaft und der KSZE-Schlussakte von Helsinki. Bis heute beruft sich Russland - beispielsweise bei einseitigen Grenzverletzungen in der Ukraine - auf Genscher. Für seine Partei, die FDP, der er sich zeitlebens so tief verbunden fühlte, dass er mit gelbem Pullunder und dunkelblauem Jackett stets ihre Farben trug, konnte er nach seinem Ausscheiden aus dem Auswärtigen Amt nicht mehr erfolgreich wirken.

Die von ihm stets geförderten jungen liberalen Talente haben es bislang nicht geschafft, ihre Partei auf das Niveau des obersten Genscheristen zu führen. Der Niedergang seiner FDP schmerzte Genscher bis zuletzt tief. Ein großer deutscher Diplomat ist von uns gegangen.

Mit ihm ging eine der wenigen noch verbliebenen historischen Figuren einer großen historischen Epoche.



Quelle: ots/Neue Westfälische


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