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Es sind nur 75 Jahre. 75 Jahre seit dem Ende einer Barbarei, die beispiellos bleibt. Die Gedenkfeiern anlässlich der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 nehmen uns mit auf eine schmerzhafte Zeitreise zum dunkelsten Kapitel in der deutschen Geschichte. Der Jahrestag ist ein guter Anlass für eine schonungslose Bilanz. Was hat Deutschland, was hat die Welt aus dem Holocaust gelernt?

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Dabei geht es nicht um Vergangenheitsbewältigung. Die Schuld an der industriellen Ermordung von sechs Millionen Menschen, unter ihnen 1,5 Millionen Kinder, kann man nicht bewältigen. Niemals. Unter dieses Kapitel kann kein Schlussstrich gezogen werden. Wer dies versucht, beleidigt die Toten wie die Überlebenden. Aber man kann der Opfer gedenken und sich gleichzeitig ernsthaft fragen: Tun wir genug gegen den Hass, der Juden heutzutage wieder entgegenschlägt? Und tun wir genug für die Lebenden? Die traurige Antwort lautet: Nein.

Antisemitismus und Judenhass wachsen wieder - auch in der Bundesrepublik. Nur der stabilen Holztür an der Synagoge in Halle ist zu verdanken, dass es kurz vor dem Auschwitz-Gedenkjahr kein Blutbad unter betenden Juden gab. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat recht, wenn er vor den Staatsoberhäuptern der ganzen Welt diese Tat und andere schonungslos benennt. All diese Vorfälle sind zutiefst beschämend und verpflichten uns zu viel größeren Anstrengungen. Dazu gehört auch, genauer hinzuhören, wenn mit Sprache dem Antisemitismus der Boden bereitet wird. Denn vor der Tat kommt das Wort, und es gibt immer mehr, die unsere Toleranz austesten.

Jene, die relativieren oder Schlussstriche ziehen wollen, verdienen noch härteren Widerstand. Es ist unerträglich, dass ein deutscher Politiker Hitler und die Nazis zum "Vogelschiss" in der deutschen Geschichte umdeuten durfte und noch immer als Vertreter des Volkes im Bundestag sitzt.

Der Bundespräsident sprach in seiner eindrucksvollen Rede am Donnerstag in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem von der ausgestreckten Hand der Juden, für die er dankbar ist. Aber die lebenden Juden erwarten zu Recht einen entschlossenen Händedruck, echte Unterstützung und mehr als aufrichtiges Gedenken. Dazu gehört, dass der Staat Israel unser besonderes Verständnis haben muss. Man muss die Politik des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu nicht mögen. Aber es geht um ein Volk, das vom Greis bis zum Baby vernichtet werden sollte. Das umzingelt von Feinden ist. Das auch heute noch von hochgerüsteten Staaten wie dem Iran ungestraft mit der Auslöschung bedroht werden darf. Ein solches Volk hat es verdient, dass man sein ganz spezielles Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz unterstützt. Und deshalb hat Bundespräsident Steinmeier recht, wenn er in Yad Vashem erklärt: Wir stehen an der Seite Israels.

In Jerusalem ging es am Donnerstag aber nicht nur um die Opfer und die Täter. Das Gedenken an den Holocaust brachte auch die Befreier zusammen - darunter Amerikaner, Russen, Briten und Franzosen. Sie alle am Donnerstag Seite an Seite in Yad Vashem zu sehen, war ein Bild, das zuversichtlich stimmt. Denn es zeigt eindringlich: Es gibt gemeinsame Werte, die Generationen überdauern und die stärker sind als der härteste politische Streit. Die Befreier von Auschwitz haben vor 75 Jahren unter hohem Blutzoll die Zivilisation gerettet. Das hat Israels Regierungschef Netanjahu zu Recht betont. Auch das darf Deutschland beim Umgang mit diesen Nationen und ihren gewählten Führern nie vergessen.



Quelle: ots/Berliner Morgenpost
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