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Montag, 30 Mär 2020
Christine Lagarde
Christine Lagarde Foto: Tomaz Silva/ABr / CC BY 3.0 BR (via Wikimedia Commons)
 1-2 Minuten Lesezeit  388 Worte im Text  vor 108 Tagen
Charmeoffensive. Man tut Christine Lagarde sicher nicht unrecht, wenn man ihre ersten Wochen an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) als eine einzige große Charmeoffensive bezeichnet - sowohl nach außen gegenüber der Öffentlichkeit, nicht zuletzt der deutschen, als auch nach innen mit Blick auf den EZB-Rat. Beides ist absolut richtig und wichtig. Aber kein Honeymoon dauert ewig - und die großen Bewährungsproben für Lagarde zeichnen sich bereits ab. Klar ist: Gute Stimmung ersetzt auf Dauer keine gute Geldpolitik. Sicher tut Lagarde gut daran zu versuchen, das schwer gestörte Verhältnis zwischen der EZB und der deutschen Öffentlichkeit zu verbessern. Ohne den öffentlichen Rückhalt im größten Euro-Land ist eine Zukunft für den Euro und die EZB kaum vorstellbar. Genauso ist sie gut beraten, für mehr Einigkeit im Rat zu sorgen. Bei aller Notwendigkeit für Diskussionen ist ein zerstrittener Rat auf Dauer kein gutes Signal für einen stabilen Euro. Schon bald aber kann der geldpolitische Kurs des Jahres 2020 zur ersten ernsten Bewährungsprobe werden. Derzeit besteht kein Handlungsbedarf, weil Lagardes Vorgänger Mario Draghi im September noch einmal aus allen Rohren gefeuert hat und weil der etwas stabilere Wachstums- und Inflationsausblick der EZB Luft zum Atmen verschafft. Sollte sich der positive Trend aber nicht fortsetzen, dürften sehr schnell Rufe nach weiteren EZB-Lockerungen kommen. Dann muss Lagarde beweisen, dass ihre Appelle an andere Politikbereiche und die Warnungen vor gefährlichen Nebeneffekten der ultralockeren Geldpolitik nicht nur Lippenbekenntnisse sind. Andererseits stellt sich bei einer Festigung des positiven Trends die Frage, wie lange die EZB an einer Geldpolitik festhalten will, die noch lockerer ist als in der Weltfinanzkrise. Lagarde muss dann den Ausstieg entschlossener angehen als Draghi. Bewährungsprobe Nummer 2 dürfte die avisierte Strategieüberprüfung werden. So richtig diese nach 16 Jahren ohne Review ist, so kontrovers sind die zu treffenden Entscheidungen - etwa beim Inflationsziel von unter, aber nahe 2 Prozent. Die EZB muss sich davor hüten, aus der tagesaktuellen Not einer zu niedrigen Inflation heraus Entscheidungen zu treffen, die nur eine noch länger extrem lockere Geldpolitik rechtfertigen sollen. Dass Lagarde den Prüfprozess auf bis zu einem Jahr ansetzt, ist da ein gutes Zeichen. Anders sieht es mit ihrem Bestreben aus, andere Themen wie Klimawandel oder Ungleichheit einzubeziehen. Das ist primär Sache der Politik, nicht der Geldpolitik. Wenn sich Lagarde da komplett verzettelt, kann es mit der guten Stimmung schnell wieder vorbei sein. Quelle: ots/Fuldaer Zeitung

Man tut Christine Lagarde sicher nicht unrecht, wenn man ihre ersten Wochen an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) als eine einzige große Charmeoffensive bezeichnet - sowohl nach außen gegenüber der Öffentlichkeit, nicht zuletzt der deutschen, als auch nach innen mit Blick auf den EZB-Rat. Beides ist absolut richtig und wichtig. Aber kein Honeymoon dauert ewig - und die großen Bewährungsproben für Lagarde zeichnen sich bereits ab. Klar ist: Gute Stimmung ersetzt auf Dauer keine gute Geldpolitik.

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Foto: Ethan Wilkinson / CC0 (via Pexel)

Radikalität ist Gift

Sicher tut Lagarde gut daran zu versuchen, das schwer gestörte Verhältnis zwischen der EZB und der deutschen Öffentlichkeit zu verbessern. Ohne den öffentlichen Rückhalt im größten Euro-Land ist eine Zukunft für den Euro und die EZB kaum vorstellbar. Genauso ist sie gut beraten, für mehr Einigkeit im Rat zu sorgen. Bei aller Notwendigkeit für Diskussionen ist ein zerstrittener Rat auf Dauer kein gutes Signal für einen stabilen Euro.

Schon bald aber kann der geldpolitische Kurs des Jahres 2020 zur ersten ernsten Bewährungsprobe werden. Derzeit besteht kein Handlungsbedarf, weil Lagardes Vorgänger Mario Draghi im September noch einmal aus allen Rohren gefeuert hat und weil der etwas stabilere Wachstums- und Inflationsausblick der EZB Luft zum Atmen verschafft. Sollte sich der positive Trend aber nicht fortsetzen, dürften sehr schnell Rufe nach weiteren EZB-Lockerungen kommen. Dann muss Lagarde beweisen, dass ihre Appelle an andere Politikbereiche und die Warnungen vor gefährlichen Nebeneffekten der ultralockeren Geldpolitik nicht nur Lippenbekenntnisse sind. Andererseits stellt sich bei einer Festigung des positiven Trends die Frage, wie lange die EZB an einer Geldpolitik festhalten will, die noch lockerer ist als in der Weltfinanzkrise. Lagarde muss dann den Ausstieg entschlossener angehen als Draghi.

Bewährungsprobe Nummer 2 dürfte die avisierte Strategieüberprüfung werden. So richtig diese nach 16 Jahren ohne Review ist, so kontrovers sind die zu treffenden Entscheidungen - etwa beim Inflationsziel von unter, aber nahe 2 Prozent. Die EZB muss sich davor hüten, aus der tagesaktuellen Not einer zu niedrigen Inflation heraus Entscheidungen zu treffen, die nur eine noch länger extrem lockere Geldpolitik rechtfertigen sollen. Dass Lagarde den Prüfprozess auf bis zu einem Jahr ansetzt, ist da ein gutes Zeichen.

Anders sieht es mit ihrem Bestreben aus, andere Themen wie Klimawandel oder Ungleichheit einzubeziehen. Das ist primär Sache der Politik, nicht der Geldpolitik. Wenn sich Lagarde da komplett verzettelt, kann es mit der guten Stimmung schnell wieder vorbei sein.



Quelle: ots/Fuldaer Zeitung
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