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Explodierender Infektionszahlen

Fahrlässige Corona-Politik

Hat die Pandemie ihren Schrecken verloren, auch weil der Ukraine-Krieg alles überschattet? Das könnte man annehmen. Allerdings, eine Viertelmillion neuer Corona-Infektionen am Tag und eine Sieben-Tage-Inzidenz über 1500, wie derzeit registriert, wären zu Beginn der Pandemie als völlig unvorstellbar, als Apokalypse betrachtet worden.

Geschrieben von Reinhard Zweigler am . Veröffentlicht in Politik.
Gesundheitsminister Karl Lauterbach, eigentlich zum Team Vorsicht gehörend, muss dieses Dilemma ausbaden. Auf der einen Seite warnt er inständig vor einer neuen Welle - auf der anderen Seite muss er die maßgeblich von der FDP geschriebene Änderung des Infektionsschutzgesetzes mittragen.
Gesundheitsminister Karl Lauterbach, eigentlich zum Team Vorsicht gehörend, muss dieses Dilemma ausbaden. Auf der einen Seite warnt er inständig vor einer neuen Welle - auf der anderen Seite muss er die maßgeblich von der FDP geschriebene Änderung des Infektionsschutzgesetzes mittragen.
Foto: Olaf Kosinsky / CC BY-SA 3.0 de (via Wikimedia Commons)

Hat die Pandemie ihren Schrecken verloren, auch weil der Ukraine-Krieg alles überschattet? Das könnte man annehmen. Allerdings, eine Viertelmillion neuer Corona-Infektionen am Tag und eine Sieben-Tage-Inzidenz über 1500, wie derzeit registriert, wären zu Beginn der Pandemie als völlig unvorstellbar, als Apokalypse betrachtet worden.

Doch nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch der Umgang, der Schutz, die Vorsorge per Impfung und die Behandlung der Viruskrankheit haben sich gewaltig verändert. Dank der Wissenschaft wissen wir heute viel mehr über Covid-19 in all seinen Ausprägungen als vor zwei Jahren. Es ist, wenn man so will, eine gewisse Corona-Normalität eingezogen. Dabei hat das Virus, das zu immer neuen Wandlungen in der Lage ist, im Grunde nichts von seiner Gefährlichkeit verloren.

Vor diesem Hintergrund erstaunt doch sehr, dass die Ampel-Regierung drauf und dran ist, zum Frühlingsanfang am 20. März fast sämtliche relevanten Schutzmaßnahmen abzuschaffen. Viele Mediziner schlagen entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen. Doch auf maßgeblichen Druck der Freedom-Day-Partei FDP hin soll auf bewährte Präventionsmaßnahmen verzichtet werden. Das Team Lockerung hat sich gegenüber dem Team Vorsicht klar durchgesetzt. Lediglich beibehalten werden soll die Maskenpflicht im öffentlichen Nah- und Fernverkehr, in Kliniken und Pflegeheimen sowie die Testpflicht in derartigen Einrichtungen und Schulen. Ansonsten soll wieder Vor-Corona-Normalität einziehen.

Eigentlich könnten die Sektkorken knallen. Freiheit, Freedom, ist die schöne Losung, die so richtig zum allgemeinen Frühlingserwachen zu passen scheint. Doch ist diese Lockerungs-Hatz und die damit einhergehende Euphorie auch sinnvoll und gut begründet? Leider nein. Und der Verweis auf einige gleichfalls lockernde Nachbarländer taugt nur bedingt. In Deutschland sind leider vergleichsweise viele ältere Menschen noch gar nicht geimpft. Und das an dieser Stelle oft angeführte Gegenargument, auch das Impfen und die Auffrischung schützten nicht hundertprozentig vor einer Corona-Infektion, ist nicht ganz stichhaltig. Bisher verwendete Vakzine schützen in aller Regel vor einem schweren Verlauf - und damit auch vor dramatischen Spätfolgen, Stichwort Long Corona, worüber kaum gesprochen wird. Hinzu kommt, dass die jetzt dominierende und hochansteckende Omikron-Variante viele in einer falschen Sicherheit wiegt. Sie bringt zwar weniger schwere Krankheitsverläufe mit sich, ist jedoch gleichwohl nicht ungefährlich.

Wenn die Ampel jetzt also den Instrumentenkasten der Schutzmaßnahmen nahezu komplett über Bord werfen will, kommt das vielleicht dem Überdruss über die Corona-Einschränkungen der vergangenen zwei Jahre und dem Freiheitsverlangen vieler Menschen nahe, aber sinnvoll ist es nicht. Jedenfalls nicht unter dem Gesichtspunkt, künftigen Mutationen des Virus gegenüber bestmöglich gewappnet zu sein.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach, eigentlich zum Team Vorsicht gehörend, muss dieses Dilemma ausbaden. Auf der einen Seite warnt er inständig vor einer neuen Welle - auf der anderen Seite muss er die maßgeblich von der FDP geschriebene Änderung des Infektionsschutzgesetzes mittragen. Er tut das nur zähneknirschend. Da hilft es wenig, dass die Länder künftig über schärfere Maßnahmen selbst entscheiden und Hotspots ausrufen können. Was genau nämlich Hotspots sind und was zu tun ist, darüber steht im Ampel-Gesetzentwurf nichts Konkretes.

Es gibt nun zumindest die Hoffnung, dass im Bundestag und von den Ländern in dieser Woche noch sinnvolle Veränderungen vorgenommen werden. Der weitgehende Verzicht auf bewährte Waffen gegen die Pandemie ist jedenfalls nicht zu verantworten. Die jetzige Normalität ist trügerisch.

Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung

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