Lesezeit: 3 Min

Tag der Deutschen Einheit

Foto: erge / CC0 (via Pixabay)

Meinung
Typographie
  • kleiner klein Standard groß größer
  • Standard Helvetica Segoe Georgia Times

Tag der Deutschen Einheit

.

Erinnern Sie sich noch? Ist Ihnen der Satz des damaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher auch noch so präsent, dass Sie ihn im Schlaf auswendig sagen könnten? »Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...« Es ist der wohl berühmteste, unvollendete Satz der jüngeren Geschichte. Hans-Dietrich Genscher hatte ihn am 30. September 1989 zu den DDR-Flüchtlingen in der Botschaft in Prag vom Balkon aus gesagt. Der Rest der Worte ging im grenzenlosen Jubel tausender Menschen unter. Sie und hunderttausende andere durften fortan in Freiheit leben.

30 Jahre Deutsche Einheit. Der Mut und die Entschlossenheit vieler DDR-Bürger veränderten das politische System, brachten die Berliner Mauer zum Einsturz und bereiteten den Weg für die Wiedervereinigung vor. In Freiheit leben. Reisen. Familie wieder besuchen können. Keine Mauern mehr ertragen müssen. Welch ein Schatz ist das, der 1989 dank vieler Menschen in der DDR, dank ihres politischen, friedlichen Widerstands und dank der Besonnenheit der Politiker gehoben werde konnte! Heute haben wir ein geeintes Deutschland. Wir tun gut daran, uns voller Dankbarkeit, Freude, Mut und, ja, auch Stolz an eine der friedlichsten Revolutionen weltweit in der Geschichte zu erinnern.

Oder? Ist es anders? Überwiegt an diesem Feiertag nicht die Freude, sondern der Frust und die Enttäuschung darüber, dass Ost und West noch nicht so zusammengewachsen sind? Dass es noch immer keine gleichen Lebens- und Arbeitsbedingungen gibt? Dass die Chancen am Arbeitsmarkt im Osten noch immer schlechter sind als die im Westen? Und die Löhne im Osten nicht mit denen im Westen mithalten können? Es stimmt. Die Wiedervereinigung ist noch nicht vollendet. Auch 30 Jahre danach nicht. Aber das, was bereits Großartiges gelungen ist, ist viel mehr als das, was noch nicht komplett bewältigt werden konnte. Hätte bei den Menschen in der DDR 1989 und die Jahre davor die Sorge, Angst und Mutlosigkeit im Vordergrund gestanden, statt die Hoffnung und der Optimismus, dann hätte es die Wiedervereinigung niemals gegeben.

Richtig ist: Der Osten holt weiter auf. Die dortige Wirtschaftskraft ist von 43 Prozent im Jahr 1990 auf 75 Prozent des westdeutschen Niveaus im Jahr 2018 gestiegen. Löhne, Gehälter und verfügbare Einkommen der privaten Haushalte erreichen inzwischen etwa 85 Prozent des westdeutschen Niveaus.

Wir sind kein gespaltenes Land. Nicht durch Greta Thunberg, nicht durch die AfD, nicht durch die Flüchtlinge und erst recht nicht durch die Wiedervereinigung. Probleme können überwunden, Aufgaben gelöst werden - auch ohne Hass, Hetze und Diffamierungen. Darüber nachzudenken, lohnt sich. Der Feiertag ist dafür ein guter Anlass.



Quelle: ots/Westfalen-Blatt
413 Wörter im Bericht.

Meinung (Top 10/365)

  • Geteiltes Echo auf Kretzschmars Äußerungen
    Montag, 14. Januar 2019

    Politikexperten in Sachsen-Anhalt reagieren teils kritisch, teils verständnisvoll auf die Aussagen des Ex-Handballprofis Stefan Kretzschmar zu fehlender Meinungsfreiheit in Deutschland. Das...

  • Ex-BGH-Richter Neskovic hält Hartz-IV-Sanktionen für verfassungswidrig
    Donnerstag, 10. Januar 2019

    Der ehemalige Richter am Bundesgerichtshof, Wolfgang Neskovic, sieht die Hartz-IV-Sanktionen mit dem Grundgesetz in Konflikt: "Seit der bahnbrechenden Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtshofs...

  • Stich ins Herz der Demokratie - Hassreden bereiten in Polen den Boden für Gewalt
    Montag, 14. Januar 2019

    Ein möglicherweise psychisch kranker Mann sticht den Bürgermeister von Danzig nieder und tötet ihn: Die schreckliche Nachricht aus Polen fügt sich auf erschütternde Weise in eine Zeit der Shitstorms und...

  • Von der Leyens EU-Ambitionen
    Mittwoch, 03. Juli 2019

    Falls die Strippenzieher in der EU geglaubt hatten, mit ihren jüngsten Personalentscheidungen dem europäischen Gedanken und der Demokratie einen Dienst zu erweisen - sie erreichten das genaue...

  • Zwist der Ministerpräsidenten mit Scholz über Flüchtlingskosten
    Donnerstag, 21. März 2019

    Es ist auf den ersten Blick nicht zu entscheiden, ob vier oder fünf Milliarden Euro die Summe sind, mit der der Bund die Integrationskosten der Länder und Kommunen angemessen mildern sollte, und wie...

  • Der nächste Schritt - Krieg?
    Mittwoch, 08. Mai 2019

    Genug ist genug, sagen die iranischen Machthaber und setzten - ein Jahr nachdem die USA einseitig das völkerrechtlich verbindliche Atomabkommen gekündigt und Sanktionen verschärft haben - Teile des...

  • Weisheiten von gestern
    Freitag, 08. Februar 2019

    Ideologien sterben nicht durch ihre Widerlegung - man zieht sie schlicht aus dem Verkehr. Dieses Schicksal wird wohl auch den sogenannten Neoliberalismus ereilen. Er verschwindet langsam. Aber...

  • Korruptionssumpf Regensburg - Übrig blieb davon nichts
    Mittwoch, 03. Juli 2019

    Endlich Gewissheit. Nach 60 Prozesstagen verlässt Joachim Wolbergs das Landgericht Regensburg ohne Strafe. Die Richter wischten in der Urteilsbegründung Anklagepunkt um Anklagepunkt vom Tisch. Übrig blieb...

  • Grüne: Schlechter Tag für die Freiheit des Internets
    Dienstag, 26. März 2019

    Die Grünen im Europäischen Parlament haben mit scharfer Kritik auf die Billigung der Urheberrechtsreform durch das Europaparlament reagiert. Der Spitzenkandidat der deutschen Grünen für die...

  • Die Demokratie muss sich wehrhaft zeigen
    Mittwoch, 26. Juni 2019

    Durch das Geständnis im Fall Lübcke wird zur erschütternden Gewissheit, dass zum ersten Mal in der Nachkriegszeit ein rechtsextremistisch motivierter Mord an einem Staatsvertreter verübt wurde....