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Die deutsche Wiedervereinigung ist eine Erfolgsgeschichte, deren letzte Kapitel noch nicht geschrieben sind

Foto: Wilhelm Rosenkranz / CC BY 2.0 (via Flickr)

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Die deutsche Wiedervereinigung ist eine Erfolgsgeschichte, deren letzte Kapitel noch nicht geschrieben sind

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Der 9. November 1989 ist für Deutschland ein Datum, das sich ins Gedächtnis eingebrannt hat: Jeder weiß noch, wo er war und was er gerade tat, als die unglaubliche Meldung die Runde machte: Die Mauer ist auf! Das ist erst 30 Jahre her. Ja: erst. Die DDR gab es länger. 41 Jahre lang war das Land geteilt, ein halbes Menschenleben. Zum Jubiläum des Mauerfalls wird viel darüber gesprochen, was im Verhältnis Ost-West alles nicht funktioniert. Dabei gibt es allen Grund, stolz zu sein und sich an das Prickeln des magischen Augenblicks zu erinnern, als die ersten DDR-Bürger vor Glück weinend über den Grenzübergang Bornholmer Straße legal rübermachten.

Die Wiedervereinigung ist eine Erfolgsgeschichte. Wunder darf man aber nicht erwarten. Welches andere Land der Welt hätte den Willen und die Kraft besessen, über 16 Millionen Menschen nahtlos ins Sozialversicherungssystem einzugliedern, neue Infrastruktur auf einer Fläche von mehr als 100 000 Quadratkilometern zu schaffen, ganze Altstädte zu sanieren? Die "blühenden Landschaften", die Helmut Kohl einst versprochen hat, gibt es nicht überall in Ostdeutschland - und nicht überall im Westen. Die Verödung einzelner Landstriche kennt auch Bayern, graue Innenstädte auch Nordrhein-Westfalen.

Es gibt zählbare Erfolge: Sachsen führt seit Jahren das Pisa-Bildungsranking an. Aus Leipzig ist "Hypezig" geworden, ein Kultur- und Wirtschaftsstandort. Das Bruttoinlandsprodukt im Osten ist seit der Wiedervereinigung von 30 auf heute 75 Prozent des westdeutschen Niveaus gestiegen. Sogar im deutschen Glücksatlas haben die neuen Bundesländer Boden gutgemacht. Zwar finden wesentlich mehr Ostdeutsche, dass die Herkunft aus Ost oder West die Identität prägt - aber wie bei den Westdeutschen sind ihnen andere Faktoren für die eigene Verortung in der Gesellschaft wichtiger: die soziale Schicht, das Einkommen, die Nationalität, die politische Einstellung. Warum erwarten wir überhaupt, dass Thüringer und Saarländer mehr miteinander gemeinsam haben sollten als beispielsweise Bayern und Bremer?

Von den deutschen Gebieten nördlich und südlich des Weißwurstäquators wird keine vollständige Harmonisierung oder gar Assimilierung in irgendeine Himmelsrichtung erwartet. Jeder darf seine regionalen Schrullen mit Lust und Liebe pflegen. Klischees sind unvermeidlich, doch sie dürfen nicht zu Vorurteilen gerinnen. Naziaufmärsche haben dazu verleitet, ein monochromes Bild von "Dunkeldeutschland" zu malen. Doch der pauschale Vorwurf des Faschismus ist der Ost-West-Beziehung nie zuträglich gewesen.

Der Irrglaube, dass Faschismus stets auf der anderen Seite stattfand, hatte schon einmal Folgen: In der DDR sah man die NS-Vergangenheit mit der Entnazifizierung als erledigt an, in eigener Sache wurde die Schuldfrage nicht gestellt. Möglicherweise einer der Gründe, warum rechte Parolen im Osten noch besser ankommen als in der Alt-BRD. Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte ist wegen des Eiltempos, mit dem die Einheit übers Land brauste, ebenfalls auf der Strecke geblieben. Selbst für Schüler im Osten, sagte kürzlich ein Vertreter des Deutschen Geschichtslehrerverbands, sei die DDR bereits so weit entfernt wie die Antike.

Nur Unwissenden kann man erzählen, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen, ihnen voller Ostalgie vom tollen Zusammenhalt und der Vollbeschäftigung vorschwärmen. Es war nicht alles schlecht, das ist wahr. Aber noch sehr viel mehr war überhaupt nicht gut. Die DDR war ein undemokratischer, repressiver, am Ende bankrotter Staat. Wenn dies nicht mehr von Generation zu Generation weitergegeben wird, muss Geschichtsunterricht die fatalen Lücken schließen. Alle Schüler, ob Ost oder West, sollten wissen, was Hohenschönhausen war. Sie sollten aber auch die schönen Bilder vom 9.11.1989 kennen, als Deutschland anfing, wieder zueinanderzufinden.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
555 Wörter im Bericht.

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