Donnerstag, 09 Jul 2020
Foto: Geralt / pixabay (CC)
 2-3 Minuten Lesezeit  460 Worte im Text  Vor mehr als einem Jahr

Deutsche Gesundheitspolitik missachtet Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation



Berlin/Amsterdam (ots) - An diesem Montag treten die Pflegekräfte am Berliner Klinikum Charité in einen unbefristeten Streik für bessere Arbeitsbedingungen. Das europaweite Netzwerk »Health Workers for all« und sein deutscher Partner terre des hommes unterstützen die Forderungen der Pflegekräfte nach besseren Arbeitsbedingungen aus entwicklungspolitischer wie auch aus kinderrechtlicher Perspektive.

empty alt
Foto: M. Schütt / CC0 (via Pixabay)

Paketdienste und Versandhändler suchen Zehntausende Saisonkräfte

»Wir beobachten mit großer Sorge, wie die schlechten Arbeitsbedingungen in der Pflege und der resultierende Fachkräftemangel bedrohliche Wirkungen weit über die Grenzen Deutschlands hinaus entfalten: Die Bundesregierung versucht seit Jahren dem Pflegenotstand auch durch eine aktive Abwerbung von Pflegekräften aus EU-Ländern, aber auch aus Ländern wie Vietnam, China, Tunesien, Moldawien und vielen anderen beizukommen», sagt Heino Güllemann, Referent für Gesundheit bei terre des hommes.

»Gesundheitsfachkräfte sind nicht nur in Deutschland knapp, sondern weltweit. In den Ländern des Südens und Ostens hat der Personalmangel im Gesundheitswesen die direktesten und belegbarsten Auswirkungen auf die Kinder- und Müttergesundheit. So haben Wissenschaftler aus Harvard nachgewiesen, dass ein zusätzlicher Arzt auf 1.000 Einwohner die Kindersterblichkeit mittelfristig um 15 Prozent und langfristig um 45 Prozent senkt. Aus Brasilien wissen wir, dass die Präsenz von Krankenpflegerinnen einen mindestens ebenso großen Einfluss auf die Kindersterblichkeit hat, wie die der Ärzte.«

Statt Pflegekräfte aus Ländern abzuwerben, die sie dringender benötigen als wir, müssen hierzulande wieder attraktivere Arbeitsbedingungen in der Pflege geschaffen werden. Die Berufsbilder der Pflege haben in den letzten Jahren derart gelitten, dass trotz ausgezeichneter Aussichten auf einen Arbeitsplatz zu wenige junge Menschen willens sind, in der Pflege zu arbeiten. Und viele Pflegekräfte gehen in Teilzeit oder Frührente, werden krank oder steigen ganz wieder aus. Dagegen streiken die Berliner Krankenpflegerinnen und verdienen dafür unsere Unterstützung.

Heino Güllemann: »Die deutsche Gesundheitspolitik scheut sich korrigierend in das aus der Balance geratene Gesundheitssystem einzugreifen und setzt stattdessen auf eine Abwerbung aus dem Ausland. Der globale Verhaltenskodex der WHO zur internationalen Anwerbung von Gesundheitspersonal, zu dessen Gültigkeit die Bundesregierung sich ausdrücklich bekennt, verpflichtet jedoch alle Mitgliedsstaaten 'soweit möglich ihren Personalbedarf im Gesundheitswesen mit ihren eigenen Arbeitskräften zu decken (...), wodurch sich ihr Bedarf an einer Anwerbung zuwandernder Gesundheitsfachkräfte verringert'.«

Bessere Arbeitsbedingungen im Krankenhaus sind eben nicht nur für die Gesundheit von Patienten und Pflegenden von großer Bedeutung. Langfristig leisten sie auch einen wertvollen entwicklungspolitischen Beitrag, um die personelle Schwächung der Gesundheitssysteme im Süden und Osten zu beenden.

Über das Projekt:

Das Projekt »Gesundheitsfachkräfte für alle« ist eine europaweite Initiative und orientiert sich am Globalen Verhaltenskodex der Weltgesundheitsorganisation WHO zur internationalen Rekrutierung von Gesundheitspersonal. Der Verhaltenskodex wurde 2010 von allen Mitgliedsländern der WHO und damit auch allen europäischen Ländern angenommen. Das Programm wird zeitgleich in Deutschland, Belgien, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Polen, Rumänien, Spanien und mit der Europäischen Union umgesetzt und von der EU in Deutschland mit 84.000 Euro gefördert.

Weitere Informationen



Quelle: terre des hommes


#mehrGesellschaft
"Ich fürchte die Signalwirkung für Funktionäre vom Schlage des zurückgetretenen Schalker Aufsichtsrats-Chefs Tönnies, die eigentlich über große Vermögen verfügen, aber im Notfall mit dem Klingelbeutel vor der Politik stehen."
Foto: Rosa Luxemburg-Stiftung / CC BY 2.0 (via Flickr)

Kevin Kühnert gegen NRW-Landesbürgschaft für Schalke 04

Der stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert hat sich kritisch zu Plänen in Nordrhein-Westfalen geäußert, dem Fußball-Bundesligisten Schalke 04 mit einer Bürgschaft zu helfen. Kühnert...
Werde der Werkvertrag verboten, stünden einige Unternehmen "vermutlich kurzfristig vor erheblichen Personalproblemen".
Foto: Jai79 / CC0 (via Pixabay)

Geplantes Verbot von Werkverträgen: Fleischwaren-Präsidentin zweifelt an Durchsetzungsfähigkeit

Sarah Dhem, Präsidentin des Bundesverbandes der Fleischwarenindustrie, ist skeptisch, dass das von der Bundesregierung angekündigte Verbot von Werkverträgen in der Fleischwirtschaft so umgesetzt...
Die Schulen benötigen die Zeit, um sich auf eine neue Art des Unterrichts einzustellen.
Foto: Andy Falconer

Schulen benötigen Zeit für das neue Lernen

Seit Mitte März befinden sich Schüler, Eltern und Lehrer in einem permanenten Ausnahmezustand. Mit der Entscheidung, alle Schulen zu schließen, hat die Landesregierung richtig gehandelt. Sie dürfte...
Unerkannte Infektionsherde wären gerade in Schulen fatal.
Foto: Annie Spratt

Guter Unterricht durch Lehrer vor Ort ist durch nichts zu ersetzen

Die Bänder in der Autoindustrie laufen wieder, in der Bundesliga rollt der Ball: Wo es handfeste wirtschaftliche Interessen gibt, finden sich Wege aus der Corona-Krise. Alle Hebel werden in Bewegung gesetzt....
In Deutschland leben etwa 17 Millionen Menschen in Single-Haushalten, vor allem in Städten und Großstädten.
Foto: Joseph Gruenthal

Soziale Isolation kostet uns Lebensjahre

Der international bekannte Psychiater, Hochschullehrer und Stressforscher Mazda Adli rechnet mit einer Zunahme psychischer Belastung der Bevölkerung infolge der Corona-Krise. "Ich gehe davon aus,...
Treffend spricht Brandenburgs Innenminister Michael Stübgen davon, dass hier der Flügel längst der ganze Vogel geworden sei.
Foto: Vincent Eisfeld / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Die AfD macht sich selbst verdächtig

Die Beobachtung ihres gesamten Landesverbandes durch den Verfassungsschutz hat sich die Brandenburger AfD selbst zuzuschreiben. Wenn zum einen der AfD-Landeschef Andreas Kalbitz selbst dem eigenen...
Besonders lange dauert dabei die sogenannte Kundenphase von der Antragstellung bis zum Eingang der vollständigen Antragsunterlagen.
Foto: succo / CC0 (via Pixabay)

Arbeitslosengeld: Im Schnitt 49 Tage von Antragstellung bis Auszahlung

Wer seinen Job verliert und Arbeitslosengeld beantragt, muss im Schnitt 49 Kalendertage bis zur Auszahlung warten. Das geht aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der...
Back To Top