Sonntag, 05 Jul 2020
Foto: Niklas Hellerstedt
 2-3 Minuten Lesezeit  488 Worte im Text  Vor mehr als einem Jahr

„Das Frühstück zu Hause hält das Herz von Kindern gesund“ – mit dieser frei erfundenen PR-Behauptung wollten deutsche Forscher den Medien mal wieder das beliebte Märchen vom „Gesunden Frühstück“ unterjubeln.

empty alt
Foto: Karlheinz Pape / CC0 (via Pixabay)

Es gibt nur Verlierer

„Wer das Herzinfarktrisiko von Vorschülern vorhersagt, sollte sich lieber auf Kaffeesatzdeuterei spezialisieren. Wenn, dann trägt der Stress, den solche Meldungen bei den Eltern verursachen, erheblich mehr zu deren vorzeitigem Ableben bei als ein - wie auch immer geartetes - Kinder-Frühstück“, so Udo Pollmer, wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (EU.L.E. e.V.). Es ist hier schon belanglos, dass es sich auch bei dieser Ernährungsstudie um eine Beobachtungsstudie handelt, aus der sich bestenfalls Plausibilitäts-Hypothesen ableiten lassen. Doch selbst auf diesem niedrigen Niveau betrachtet versickert die Botschaft des „gesunden Kinder-Frühstücks“ wie Pipi im Sandkasten. „Die Daten der Originalstudie lassen noch nicht einmal die...

...vage Vermutung zu, dass Frühstücken Kinderherzen möglicherweise schützen könnte: Meist fehlt die statistische Signifikanz und teilweise sind die Korrelationen der Nicht-zu-Hause-Frühstücker gar `herzgesünder´“, erklärt Ökotrophologe Uwe Knop. „Und da eh niemand weiß, welche Bedeutung der Cholesterinspiegel eines 2-jährigen für sein Infarktrisiko im Greisenalter hat, schweben die Aussagen sowieso im luftleeren PR-Raum“, so Pollmer.

Auch interessant: Gemäß Originaldaten der Studie sind beispielsweise 2-6-jährige Kinder, die nicht zu Hause frühstücken, größer als Frühstücker@home. „Nehmen wir nun den Schlussfolgerungs-Stil der Forscher als Maßstab, dann hieße das: `Das Frühstück außer Haus lässt Kinder größer werden´. Wer jetzt lacht und mit dem Zeigefinger seine Stirn bearbeitet, der sollte bitte die Headline der Studien-PR lesen – und dann weiter schmunzeln“, empfiehlt Knop.

Wie spannend die Datenmassage rund um kindliche Cholesterinwerte, Bluthochdruck, BMI und weitere Faktoren ist und wie größtenteils nichtssagend die Korrelationen ausfallen, das zeigt der ausführliche => Hintergrundbericht, der diesem Paradebeispiel an Ernährungspropaganda kritisch auf den Zahn fühlt. Unabhängig der „ökotrophologischen science fiction“ gilt grundsätzlich: Entscheidend ist im wahren Leben, dass Kinder satt werden – wann und wo sie essen, ist zweitrangig. „Auch bei den Eltern gibt es viele, die in der Früh´ nur ein Heißgetränk zu sich nehmen. Ob morgens Hunger herrscht, ist wesentlich vom Alter abhängig. Kleine Kinder sind bereits früh morgens aktiv, während Pubertierende noch in der ersten Unterrichtsstunde die Augen kaum offen halten können“, so Pollmer.

Fazit: Hier bietet sich ein ganz feines Lehrstück „synergistischer Ernährungs-PR-opaganda“: Butterweiche, größtenteils signifikanzlose und sinnfreie Korrelationen einer Beobachtungsstudie werden via Instituts-PR den Medien als Kausalitäten untergejubelt. Und das in diesem Fall noch nicht einmal suggestiv, sondern als direkte „A macht B“-PR-Headline aufs Journalistenbrot geschmiert. An alle Beteiligten: Sechs, setzen!

Quellen

[1] Das Frühstück zu Hause hält das Herz von Kindern gesund, Pressemeldung Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie - BIPS, 19.12.14, basierend auf: Papoutsou S, et al: No breakfast at home: association with cardiovascular disease risk factors in childhood. European Journal of Clinical Nutrition. 2014; 68(7): 829-834. doi: 10.1038/ejcn.2014.88.



Quelle: Europäisches Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften


#mehrGesellschaft
Der Begriff Rasse gehört, um es klar zu formulieren, auf den Müllhaufen der Geschichte.
Foto: Gemma Chua-Tran

Nicht unantastbar

Kritiker wittern eine Scheindebatte. Sie sprechen von Symbolpolitik ohne Gehalt, die sich wie so oft darin erschöpft, das gute Gewissen zu streicheln. Und sie warnen davor, ohne Not Hand an die...
Womöglich ist die Zeit der "Alles-unter-einem Dach"-Häuser einfach vorbei.
Foto: Magnussen, Friedrich (1914-1987) - Stadtarchiv Kiel / CC BY-SA 3.0 DE (via Wikimedia Commons)

Die Zeit der Warenhäuser ist vorbei

Was für ein Niedergang! Einst war die Warenhaus-Branche eine Sammlung klangvoller Namen: Horten, Hertie, Karstadt, Kaufhof teilten sich den großen Umsatzkuchen. Dann kam Amazon und machte den Weg...
"Ich fürchte die Signalwirkung für Funktionäre vom Schlage des zurückgetretenen Schalker Aufsichtsrats-Chefs Tönnies, die eigentlich über große Vermögen verfügen, aber im Notfall mit dem Klingelbeutel vor der Politik stehen."
Foto: Rosa Luxemburg-Stiftung / CC BY 2.0 (via Flickr)

Kevin Kühnert gegen NRW-Landesbürgschaft für Schalke 04

Der stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert hat sich kritisch zu Plänen in Nordrhein-Westfalen geäußert, dem Fußball-Bundesligisten Schalke 04 mit einer Bürgschaft zu helfen. Kühnert...
Treffend spricht Brandenburgs Innenminister Michael Stübgen davon, dass hier der Flügel längst der ganze Vogel geworden sei.
Foto: Vincent Eisfeld / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Die AfD macht sich selbst verdächtig

Die Beobachtung ihres gesamten Landesverbandes durch den Verfassungsschutz hat sich die Brandenburger AfD selbst zuzuschreiben. Wenn zum einen der AfD-Landeschef Andreas Kalbitz selbst dem eigenen...
Werde der Werkvertrag verboten, stünden einige Unternehmen "vermutlich kurzfristig vor erheblichen Personalproblemen".
Foto: Jai79 / CC0 (via Pixabay)

Geplantes Verbot von Werkverträgen: Fleischwaren-Präsidentin zweifelt an Durchsetzungsfähigkeit

Sarah Dhem, Präsidentin des Bundesverbandes der Fleischwarenindustrie, ist skeptisch, dass das von der Bundesregierung angekündigte Verbot von Werkverträgen in der Fleischwirtschaft so umgesetzt...
Deutschland ist nicht durch und durch rassistisch, aber es gibt gefährliche rassistische Tendenzen.
Foto: Euku / CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

Rassismus in Deutschland: Schwarze Abgeordnete fordern "mehr Bereitschaft zuzuhören"

Die beiden schwarzen Abgeordneten Aminata Touré und Karamba Diaby haben an die Gesellschaft appelliert, sich intensiver mit Rassismus auseinanderzusetzen und bei rassistischen Vorfällen nicht...
Besonders lange dauert dabei die sogenannte Kundenphase von der Antragstellung bis zum Eingang der vollständigen Antragsunterlagen.
Foto: succo / CC0 (via Pixabay)

Arbeitslosengeld: Im Schnitt 49 Tage von Antragstellung bis Auszahlung

Wer seinen Job verliert und Arbeitslosengeld beantragt, muss im Schnitt 49 Kalendertage bis zur Auszahlung warten. Das geht aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der...
Back To Top