Kommentar zu den Protesten in Chile

Typographie
  • kleiner klein Standard groß größer
  • Standard Helvetica Segoe Georgia Times

Kommentar zu den Protesten in Chile

.

Berlin (ots) - Lateinamerikas neoliberaler Musterschüler hat den Bogen der Ungleichheit überspannt: Anders lassen sich die seit einer Woche andauernden Massenproteste in Chile nicht erklären. »Es geht nicht um 30 Pesos, es geht um 30 Jahre«, lautet einer der auf den Demos gerufenen Slogans, die trotz Ausnahmezustand und nächtlicher Ausgangssperre anhalten. Es sind nicht die 30 Pesos mehr für ein U-Bahn-Ticket, das nun umgerechnet 1,06 Euro statt 1,02 Euro kostet und damit weit mehr als die 29 Cent im benachbarten Argentinien. Das hat zuerst die von der Preiserhöhung sogar ausgenommenen Schüler*innen auf die Barrikaden getrieben, denen sich Studierende und Menschen aus allen Schichten bis auf die Oberschicht angeschlossen haben. Es geht in Chile in der Tat um die Folgen von 30 Jahren neoliberaler Politik, die nach Ende der Pinochet-Diktatur (1973 bis 1990) nahezu bruchlos fortgesetzt wurde. Strom, Wasser, Bildung, Gesundheits- und Rentensystem wurden unter General Augusto Pinochet privatisiert. Die sozialen Strukturen des demokratischen Sozialismus, aufgebaut unter Salvador Allende, wurden zerschlagen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das neoliberale Modell hat dem Land auf der Makroebene durchaus beträchtliche Wachstumsraten verschafft - die sozialen und ökologischen Kosten fallen dabei auch in Chile unter den Tisch. Im durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen liegt Chile in Südamerika inzwischen vorn, hat den einst weit reicheren Nachbarn Argentinien überholt. Doch was hilft ein durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen von laut Weltbank über 23 000 US-Dollar pro Jahr den 80 Prozent Rentner*innen, die sich mit monatlichen Pensionen unterhalb des Mindestlohnes von umgerechnet 373 Euro bescheiden müssen? Nichts. In Chile ist die Frustration über 30 Jahre Demokratur explodiert, über den Übergang von der Diktatur zu einer deformierten Demokratie mit extrem großer sozialer Ungleichheit. Sie macht sich nicht zuletzt an einem Bildungssystem fest, das keine Chancengleichheit bietet. Wer mangels reicher Eltern auf eine öffentliche Schule mit schlechtem Ausbildungsniveau gehen muss, hat schon vor dem Studium verloren. Es sind die jungen Menschen, die die Angst vor der Repression verloren haben. Sie standen am Anfang der Proteste und sind nun der Kern. Für den Multimillionär und Präsidenten Sebastián Piñera wird es eng. Das Militär, das erstmals seit dem Ende der Diktatur wieder auf den Straßen patrouilliert, ist keine Antwort und seine Reformvorschläge sind halbherzig. So wird er nicht durchkommen. Und das ist gut so.



Quelle: ots/neues deutschland


Presse Spiegel (Top 10/100)

  • Olympia 2032 an Rhein und Ruhr - Vorsicht an der Bahnsteigkante - Kommentar von Lothar Schmalen
    Neue Westfälische
    14. November 2019 | 20:30:14

    Bielefeld (ots) - Es ist noch lange hin bis Olympia 2032. Und dennoch ist die Euphorie offenbar mit manchem Politiker schon durchgegangen. Ein ganz breites Bündnis im Landtag aus CDU, SPD, FDP und...

  • Bonpflicht beim Bäcker
    Mitteldeutsche Zeitung
    14. November 2019 | 18:45:31

    Halle (ots) - Ob Bäcker und andere Händler tatsächlich in großem Stil Steuern hinterziehen, ist zweifelhaft. Schätzungen oder gar Zahlen zur Dimension des Steuerbetrugs in den von der Bonpflicht...

  • Zur Impfpflicht
    Mitteldeutsche Zeitung
    14. November 2019 | 18:46:31

    Halle (ots) - Die neue Impfpflicht richtet unterm Strich wohl keinen Schaden an. Trotzdem drängt sich der Eindruck auf, dass die Impfpflicht auch eine gute Gelegenheit für Gesundheitsminister Jens...

  • Staatsrechtler warnt nach Abwahl Brandners vor Arbeitsunfähigkeit des Bundestags
    Rheinische Post
    14. November 2019 | 00:00:24

    Düsseldorf (ots) - Der Bochumer Staatsrechtler Julian Krüper plädiert für neue Regeln zur Wahl und Abwahl von Ausschussvorsitzenden des Deutschen Bundestages. Andernfalls sei die Arbeitsfähigkeit...

  • SPD-Chefin Esken zeigt Verständnis für Habecks Vorstoß zu Flüchtlingskindern
    Rheinische Post
    23. Dezember 2019 | 00:00:32

    Düsseldorf (ots) - Die neue SPD-Chefin Saskia Esken hat Verständnis für den Vorstoß des Grünen-Chefs Robert Habeck gezeigt, Kinder aus griechischen Flüchtlingslagern nach Deutschland zu holen. "Ich...

  • Risiken und Nebenwirkungen
    Frankfurter Rundschau
    14. November 2019 | 17:24:46

    Frankfurt (ots) - Das Gesetz lässt einige Fragen offen, die zu einer Klagewelle führen dürften. So ist ein erheblicher bürokratischer Aufwand zur Registrierung und Sanktionierung von Impfverstößen...

  • Mehr Westdeutsche als Ostdeutsche leben in strukturschwachen Regionen
    Rheinische Post
    14. November 2019 | 00:00:23

    Düsseldorf (ots) - Die Strukturschwäche trifft die Menschen im Westen Deutschlands härter als bisher bekannt. Nach einem Bericht der Düsseldorfer "Rheinischen Post" (Donnerstag) unter Berufung auf...

  • Im Sommer - Kommentar von Andreas Härtel zum Solidaritätszuschlag
    Allgemeine Zeitung Mainz
    14. November 2019 | 18:39:34

    Mainz (ots) - Ein Tauschhandel der großen Koalition hat diese politische Woche bestimmt. Am vergangenen Sonntag hat sie sich auf die Einführung einer Grundrente geeinigt. Und nun hat der Bundestag...

  • Zur EU
    Mitteldeutsche Zeitung
    14. November 2019 | 18:43:31

    Halle (ots) - Von der Leyen hat viele Ideen. Sie möchte eine "geopolitische Kommission" anführen, die Europa mehr Einfluss in der Welt verschafft. Sie will innerhalb von 100 Tagen nach Amtsantritt...

  • Chef der Wirtschaftsweisen fordert Abschaffung der Pendlerpauschale
    Rheinische Post
    24. Dezember 2019 | 00:00:32

    Düsseldorf (ots) - Der Chef der Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, fordert die Politik auf, die Pendlerpauschale abzuschaffen. "Die Pendlerpauschale führt zur Zersiedlung der Landschaft. Sie...

NewsFeeds extern


Ärzte ohne Grenzen

Reporter ohne Grenzen

Lobby Control

Amnesty International