Sonntag, 05 Jul 2020
Foto: annawaldl / CC0 (via Pixabay)
 2-3 Minuten Lesezeit  511 Worte im Text  vor 205 Tagen

Mal eben das Bad neu fliesen oder einen neuen Rolladen am Schlafzimmerfenster anbringen lassen: In Zeiten von Bauboom und Fachkräftemangel ist das gar nicht so einfach. Durchschnittlich zehn Wochen mussten die Deutschen in diesem Jahr warten, wenn sie einen Handwerker beauftragen wollten, in einigen Gewerken sogar noch länger. Befremdlich scheint es da, dass der Bundestag nun beschließen will, den Marktzugang für Fliesenleger, Rollladentechniker und zehn weitere Berufsgruppen deutlich zu erschweren: In Zukunft soll nur noch einen Betrieb eröffnen dürfen, wer einen Meistertitel innehat.

Reichstagskuppel, Berlin
Foto: AC Almelor

Schäuble plant Schließung der Reichstagskuppel wegen Corona-Virus

Kritiker warnen: Für den Verbraucher werde es in Zukunft noch schwieriger, einen Handwerker zu bekommen, und teurer obendrein. Denn momentan kann, wer sich die Dienste eines Meisterbetriebes nicht leisten kann, einen anderen beauftragen, der vielleicht weniger qualifiziert, dafür aber günstiger ist. Jahrzehntelang war das anders: Seit 1935 galt in Deutschland die Meisterpflicht, in der Handwerksordnung war seit 1953 gesetzlich festgelegt, dass der Meisterbrief Voraussetzung für die Eröffnung eines eigenen Handwerksbetriebes ist. Erst im Jahr 2004, angesichts einer Arbeitslosenquote von mehr als zehn Prozent, lockerte die damalige Regierung die Vorschriften und reduzierte die Zahl der meisterpflichtigen Handwerksberufe von 94 auf 41. Was folgte, war ein Gründungsboom: die Zahl der Betriebe in den betroffenen Gewerken stieg von rund 75 000 im Jahr 2003 auf etwa 250 000 im Jahr 2018.

Trotzdem ist die Wiedereinführung der Meisterpflicht ein richtiger Schritt. Natürlich garantiert der Meistertitel eines Betriebes nicht, dass alle Aufträge meisterhaft ausgeführt werden. Auch in Meisterbetrieben sind es häufig Lehrlinge oder Gesellen, die die anfallenden Arbeiten letztlich übernehmen. Zudem ist denkbar, dass ein Meister seinen Titel einem Betrieb zur Verfügung stellt, ohne selbst dort zu arbeiten - gewarnt wird bereits vor solchen "Sofa-Meistern". Dem gegenüber allerdings steht die jetzige Regelung, bei der Fliesen-, Estrich- und Parkettleger, Drechsler oder Raumausstatter ohne jeglichen Qualifikationsnachweis ihre Dienste anbieten können. Wenn dann im Bad die Fliesen von der Wand und im Wohnzimmer die Gardinenstangen von der Decke fallen, ist das nicht nur gefährlich: Häufig fehlt es gerade in unqualifizierten Einmann- oder Kleinbetrieben auch an jenem betriebswirtschaftlichen Know-how, das neben der fachlichen Qualifikation ebenfalls zur Meisterausbildung gehört. Geht ein solcher Handwerksbetrieb in die Insolvenz, wird es für Kunden schwer, etwaige Gewährleistungsansprüche durchzusetzen. Noch schwerer wiegt ein anderes Argument: Schon jetzt leiden viele Betriebe unter Fachkräftemangel. Ohne die Meisterpflicht aber fehlt ein wichtiger Anreiz, sich hochwertig zu qualifizieren. Ein Effekt, der sich über die Jahre verstärkt, denn nur wer selbst qualifiziert ist, kann wiederum andere ausbilden.

Beispiel Fliesen-, Platten- und Mosaikleger: Waren es im Jahr 2003 noch 557 Menschen, die erfolgreich ihre Meisterprüfung ablegten, erhielten 2018 gerade mal 103 ihren Meisterbrief. Gleichzeitig aber hat sich die Zahl der Betriebe im selben Zeitraum von 12 000 auf rund 70 000 erhöht. Die Wiedereinführung der Meisterpflicht wird - trotz Bestandschutz für bestehende Unternehmen - diese Zahl langfristig reduzieren. Erfolgreich kann sie daher nur sein, wenn gleichzeitig ausreichend Anreize für Jugendliche geschaffen werden, sich für eine Ausbildung im Handwerk zu entscheiden - und nach dem Abschluss der Ausbildung auch in Deutschland in diesem Handwerk zu arbeiten. Die gerade beschlossene Mindestausbildungsvergütung darf da nur ein erster Schritt gewesen sein.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
#mehrNachrichten
Die Aufträge bleiben aus, die Lieferketten sind unterbrochen, jedes siebte Unternehmen erwartet aktuell Geldengpässe.

Industrie bleibt im Abwärtsstrudel

Während die Wirtschaft nach den Corona-Lockerungen langsam wieder hochfährt, verharrt die Industrie im Krisenmodus. Die Aufträge bleiben aus, die Lieferketten sind unterbrochen, jedes siebte...
Der einstmals unbeliebte Franke hat heute deutschlandweit höhere Akzeptanzwerte als sein rheinischer Kollege.
Foto: European People's Party / CC BY 2.0 (via Wikimedia Commons)

Söder regiert, Laschet reagiert

Schon wieder NRW. Mit Heinsberg begann die Corona-Krise. Mit Gütersloh droht die zweite Welle. Und erneut zeigt sich, wie schlecht es ums Krisenmanagement im Land bestellt ist. Zu spät, zu...
Gegen den Klimawandel und die fortschreitende Erderwärmung gibt es keine Impfung und kein Medikament.
Foto: Annie Spratt

Gegen den Klimawandel wird es nie eine Impfung oder ein Medikament geben

Alle Kraft fließt momentan ins Überwinden der Pandemie, in den Kommunen, Ländern und im Bund. Wie groß die Kraftanstrengung ist, zeigen die gigantischen Hilfssummen: 130 Milliarden Euro umfasst...
"Viel zu viele Leute, zu wenige Masken, zu wenig Abstand - das ideale Super-Spreading-Event!"
Foto: Heinrich-Böll-Stiftung / CC BY-SA 2.0 (via Flickr)

Demos sind "ein Sargnagel" für die noch bestehende Corona-Regeln

Angesichts der jüngsten Massendemonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt fordert der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach strengere Regeln, um eine zweite Corona-Welle zu verhindern....
Hinter der Hausse am Aktienmarkt steht die Flutung der Finanzmärkte mit Liquidität.
Foto: Nationaal Archief / Public Domain (via Wikimedia Commons)

Der Gipfel des Absurden

Die Welt befindet sich in der schwersten Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren, aber die Aktienmärkte befinden sich in Jubelstimmung: Der US-Technologieindex Nasdaq Composite erreichte am Montag...
Das Beispiel der Corona-Pandemie zeigt, wie wichtig es ist, dass Unternehmen verantwortlich handeln und ihre globale Sorgfaltspflicht wahrnehmen.
Foto: Piqsels CC0

Bundesregierung will Kampf gegen Kinderarbeit zu Schwerpunkt der EU-Ratspräsidentschaft machen

Die Bundesregierung will den Kampf gegen Kinderarbeit und sexuelle Ausbeutung von Kindern zu einem Schwerpunkt der deutschen EU-Ratspräsidentschaft machen und in dieser Zeit die Grundlagen für ein...
In der Tendenz lässt sich das heute schon ablesen: ESG-Investments kommen recht gut durch die Coronakrise.
Foto: AbsolutVision

Das "S" von ESG im Blick

Die Coronakrise hat für das Entstehen einer neuen Anleiheart gesorgt. Dabei handelt es sich um die sogenannten Covid-19-Response-Bonds oder kurz Covid-19-Bonds. Mit den Erlösen aus diesen Anleihen...
Back To Top