Donnerstag, 06 Aug 2020
  • Papst Franziskus ist in Bedrängnis: Die Gläubigen laufen der Kirche scharenweise davon. Immer mehr Menschen in den westlichen Ländern wie Deutschland haben keinerlei Bezug mehr zum Glauben. Wen wundert's: Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Kirche keine Schlagzeilen produziert. Seit Jahren belastet das Thema sexueller Missbrauch das Vertrauen in die Kirche. Dabei sind es häufig Fälle, die sich vor vielen Jahren ereigneten. Viel Glaubwürdigkeit gekostet hat die Kirche auch der Umgang mit dem Missbrauch, die Abwehrhaltung der kirchlichen Würdenträger und das Deuten mit dem Finger auf andere Institutionen, in denen es angeblich viel häufiger zu Missbrauch kommt. Steht die Kirche also vor einem Abgrund?

  • Es ist, als würde der Fall Georg Gänswein der Katholischen Kirche den Spiegel vorhalten: Nicht erst seit Martin Luther kritisiert man den Klerus in Rom als eitel und selbstverliebt. Es geht um Machtspiele und Einfluss, um Hofschranzentum und Heuchelei. Georg Gänswein hat in seiner Eitelkeit nicht nur Papst Franziskus zum Handeln gezwungen. Er hat vor allem auch dem Mann geschadet, dem er am meisten verdankt: Dem Papa emeritus, Benedikt XVI..

  • In den Augen zahlreicher Menschen ist die katholische Kirche eine nicht besonders ernstzunehmende, wenn nicht gar überflüssige Institution. Die Kirchenmänner, allen voran Papst Franziskus, spüren das. Die Kirche hat immer weniger Mittel, um Gehör bei den Menschen zu finden, ihre Botschaften werden insbesondere im Westen überhört. Eine mögliche Reaktion auf dieses Phänomen wäre, sich weiter zurückzuziehen, den Kopf über die ebenso mondäne wie orientierungslose Lebenslust zu schütteln und in den alten Mustern gefangen zu bleiben. Hier die Sünder, dort die Gerechten. Erfolgversprechend ist das nicht. Die Kirche würde sich weiter vom Leben entfernen und noch weniger gehört werden. Die Amazonien-Synode in den vergangenen drei Wochen im Vatikan war deshalb ein wegweisendes Ereignis.

  • Papst Franziskus zieht einen Schleier über schmutzigen Geheimnissen weg. Seine Direktive ist das starke Signal an Gläubige, Priester und Opfer, dass Missbrauch in der Kirche nicht auf Pardon hoffen darf. Täter und Mitwisser können sich nicht länger verstecken hinter dem Päpstlichen Geheimnis. Selten sind sich Vertreter von Kirchen, Kirchenskeptikern und Opferverbänden in ihren Reaktionen so nahe gekommen. Als "epochale Entscheidung" feiert Erzbischof Charles Scicluna, ein Berater des Papstes beim Thema Missbrauch, den Schritt. "Durchaus bahnbrechend" nennt sie Magnus Lux von "Wir sind Kirche". Und selbst Matthias Katsch von der Opfervereinigung "Eckiger Tisch" begrüßt die Maßnahme, wenn auch als "überfälligen Schritt".

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